MÜNCHEN 09.10.06
  Sport

Lauf der zweiten Reihe

Carmen Siewert und Matthias Körner werden Marathon-Meister

München - Carmen Siewert stand im Innenraum des Olympiastadions, einen riesigen grünen Lorbeerkranz um die Schultern, und verdrückte ein paar Tränen - vor Glück. "Gestern noch sind wir da oben gestanden", sagte sie und deutete auf die oberen Sitzreihen, "ich habe heruntergeschaut und gedacht: Vielleicht kann ich es schaffen." Und die 34-jährige Marathonläuferin vom Greifswalder SV 04 hat es geschafft: Am Sonntag hat sie Monika Schuri als deutsche Marathonmeisterin abgelöst, nach 2:47:22 Stunden rannte sie durch das Marathontor ins Ziel. Ihr folgten Andrea Stengel (Regensburg/2:48:52) und Anke Holljesiefken (Frankfurt/2:48:57). Bei den Männern gewann Matthias Körner vom SC DHFK Leipzig mit 2:21:55 Stunden, Philipp Büttner (TSV Friedberg) wurde Zweiter in 2:25:13 Stunden, Dirk Schwarzbach (TSV Kirchberg) belegte Platz drei mit 2:25:35 Stunden.

Dieses Marathon-Wochenende verlief genauso absurd wie erwartet: Während sich beim Köln-Marathon die erste Riege der deutschen Läufer Antrittsgagen und Siegprämien verdiente (siehe nebenstehenden Text), holte sich die zweite Reihe in München die nationalen Weihen. Die Gewinner in München störte das naturgemäß wenig. "Man muss das Feld nehmen, wie es am Start steht", sagte Matthias Körner, "man muss sich da auch erst einmal durchbeißen. Deshalb ist mir der Titel sehr viel wert." Eigentlich hatte der 37-jährige Routinier seinen letzten Marathon bereits vor vier Jahren hinter sich gebracht. Doch seine Vereinskollegen überredeten ihn nach zwei Jahren Pause, den Marathon in München zu laufen, um ihre Vereinswertung aufzubessern. Obwohl Körner als Laborleiter einer Pharmafirma in Penzberg nicht über allzu viel Zeit verfügt, begann er, wieder ernsthaft zu trainieren. "Das ist eine gute Sache, die Meisterschaft in einen großen Stadtlauf einzubetten", sagte Matthias Körner im Ziel.

Richtig überwältigt dagegen war, trotz ihrer mäßigen Zeit, die Favoritin Carmen Siewert. Nach einer schwierigen Saison, in der sie wegen Verletzungen erst zum Berglauf wechselte, an der Berglauf-WM teilnahm, deshalb erst vor vier Wochen mit dem Training begann und in den vergangenen zwei Wochen schließlich mit Knieproblemen kämpfte, konnte Siewert ihren ungefährdeten Erfolg kaum glauben. "Auf den letzten zehn Kilometern hab ich nur noch daran gedacht, dass ich deutsche Meisterin werden kann", sagte sie, "ich wollte das unbedingt." Auch Carmen Siewert ist kein Laufprofi, sie arbeitet als Vermessungsingenieurin beim Katasteramt in Anklam.

Dass Marathon-Zeiten wie jene in München einer deutschen Meisterschaft allerdings nicht gerade würdig sind, war hinterher auch den Veranstaltern klar - zumal, wenn am selben Tag in einer anderen Stadt die schnellsten deutschen Läufer das Meisterschafts-Ergebnis konterkarieren. "Wir werden uns mit dem DLV zusammensetzen", kündigte Münchens Marathon-Organisator Gernot Weigl deshalb an. "Die deutsche Meisterschaft soll in Zukunft der nationale Höhepunkt der Marathonsaison sein." Das allerdings würde bedeuten, dass Weigl in den kommenden zwei Jahren, in denen die nationalen Titelkämpfe ebenfalls in München stattfinden werden, Prämien ausschreiben muss. Als Geldgeber käme wohl in erster Linie der Hauptsponsor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) in Frage. Der amerikanische Sportartikelhersteller hat den München-Marathon 2006 erstmals finanziell unterstützt. 

Christina Warta