MÜNCHEN 09.10.06
  Sport

Durch die Oase der Stille

10 300 Läufer nehmen am 21. München-Marathon teil
Edith Niederfrininger gewinnt 10 000-Euro-Prämie

Es ist ruhig im Englischen Garten, kein Mensch ist zu sehen. Doch, da, ein Marathonläufer: Es ist Matthias Körner, der Führende des 21. München-Marathons. Er läuft hinter einem Wagen der Polizei und dem Geländeauto der Zeitnahme her. Als die zwei Autos und der Läufer vorbei sind, kehrt die Stille zurück. Das ist der Kilometer 31 des Münchner Marathons, eine der beschaulichsten Stellen an der Marathonstrecke - wenn man ein Picknick machen wollte. Läuft man allerdings einen Marathon, ist der Kilometer 31 eine der härtesten Abschnitte auf dem Münchner 42,195-Kilometer-Rundkurs vom Olympiastadion durch die Innenstadt und zurück.

Auf den sieben Kilometern durch den Englischen Garten entschied sich auch in diesem Jahr für die meisten der 10 300 Läufer, ob sie am Ende mit ihrer Zeit zufrieden sein würden oder nicht. Vor allem jene, die in dem weit auseinander gezogenen Feld vorweg laufen, die schnellen also, müssen sich auf diesem Abschnitt zwischen Kilometer 28 und Kilometer 35 selbst genügen. Carmen Siewert, deutsche Meisterin in 2:47:22 Stunden, hatte als schnellste Frau immerhin einen Radfahrer mit dem Schild "1. Frau" bei sich, der sie begleitete und aufmunterte. "Den Einbruch habe ich trotzdem bekommen", sagte sie, "im Englischen Park war es schwer." Matthias Körner dagegen, anfangs noch Teil einer fünfköpfigen Schicksalsgemeinschaft, legte die letzten 17 Kilometer ohne Unterstützung zurück. Allerdings kennt Körner es nicht anders: "Ich trainiere zu 99 Prozent allein", erklärte er, als er nach 2:21:55 Stunden als deutscher Meister im Olympiastadion angekommen war.

Und noch eine Läuferin litt offenbar unter der allzu entspannenden Atmosphäre des Englischen Gartens: die Triathletin Nicole Leder, die gemeinsam mit der Südtirolerin Edith Niederfrininger an einem ganz besonderen Wettbewerb teilnahm: Die Frau, die den ebenfalls von Weigl ausgerichteten München-Triathlon und den hiesigen Marathon in weniger als fünfeinhalb Stunden absolvieren würde, würde eine eigens ausgelobte Prämie von 10 000 Euro kassieren.

Die bekommt nun allerdings Niederfrininger. "Denn bei Kilometer 35 wartete der Mann mit dem Hammer", sagte Leder, nachdem sie als Siebte ins Ziel gekommen war (2:50:03). Von Anfang an waren Leder und Niederfrininger gemeinsam gelaufen, nun aber blieb Nicole Leder zurück und musste ihre Konkurrentin um die 10 000-Euro-Prämie ziehen lassen. "Ich hatte keine bestimmte Taktik", sagte die Frau aus Meran hinterher, "ich wollte Nicole das Rennen machen lassen." Die Nicht-Taktik ging auf, Niederfrininger rannte nach 2:48:10 Stunden frisch und vergnügt über die Ziellinie und wurde von Weigl kurz darauf mit einem überdimensionalen Scheck bedacht - dem bisher größten in ihrer Laufbahn. Zahlen muss die Summe übrigens nicht Marathon-Veranstalter Weigl, der beim Thema Prämien sonst stets auf sein schmales Budget verweist - sondern ein Versicherungsunternehmen, bei dem Weigl für diesen Fall eine Risikoversicherung abgeschlossen hat.

Und während Edith Niederfrininger wieder vom Siegerpodest kletterte, füllte sich das Olympiastadion mit jenen Läufern, die den Marathon bis zum Ende durchgestanden hatten. Philipp Büttner, der Zweitplatzierte (2:25:13), der im Ziel begeistert einen Handstand gemacht hatte, plauderte mit einem Vereinskollegen. Andere lagen sich glücklich in den Armen, und die junge Frau im Kostüm des Münchner Kindls wusste angesichts der vielen Läufer im Ziel nicht mehr, wen sie zuerst beglückwünschen sollte.

Fest steht: Der Münchner Marathon - der siebte unter der Ägide Gernot Weigls - hat sich erneut weiterentwickelt. Die später gestarteten Zehn-Kilometer-Läufer waren mit der neuen Strecke ums Siegestor zufrieden. "Die Neuerungen haben sich gelohnt", sagte Weigl und schloss dabei ausdrücklich auch die deutsche Meisterschaft ein, die zum ersten Mal im Rahmen des München-Marathons ausgetragen wurde. "Wir haben gezeigt, dass wir nicht nur einen Volksmarathon austragen können, sondern auch für größere Aufgaben gerüstet sind." Die Zuschauer sind das mittlerweile offenbar auch: In diesem Jahr waren wieder deutlich mehr Menschen an der Strecke, an der Ecke Leopold-/Franz-Joseph-Straße, am Odeonsplatz und in der Fußgängerzone drängten sich sogar richtige Massen. Nur der Englische Garten wird wohl immer eine Oase der Ruhe bleiben - bis auf diesen einen Tag im Jahr ist das ja auch ganz gut so.

Christina Warta