MÜNCHEN 07.10.06
  Sport

Dem Baby fehlt was

Der Marathon in München gedeiht und bleibt doch stehen

Trainer Klaus-Peter Weippert sitzt am anderen Ende des Landes und versteht die Frage nicht. Ob Ulrike Maisch mal an einen Start bei den deutschen Meisterschaften am Sonntag in München gedacht habe? Seine Ulrike Maisch? Die Marathon-Europameisterin aus Rostock, um die es zuletzt so viel Trubel gab, dass Weippert sie nun zeitweise aus dem Interviewverkehr zieht? "Fragen Sie das jetzt ernstlich?" Er zögert. "Wissen Sie", sagt Weippert, "wir müssen auch leben. Und zum Leben braucht man Geld." Jahre voller Entbehrungen hat es gedauert, ehe Ulrike Maisch im August die Gunst des Göteborger Rennens nutzen konnte. Jetzt ist sie wer. Jetzt muss etwas passieren. "Man kann nicht nur investieren, man muss auch ernten", sagt Weippert. Und in München kann man nicht ernten, da gibt es keine Antrittsgage und keine Prämien. Also verzichtet Ulrike Maisch auf den Titel und startet am Sonntag in Köln.

Die Welt des Sports ist groß und der Münchner Marathon ist klein, das ist die Botschaft des Trainers Weippert, die er keinesfalls als Vorwurf verstanden wissen möchte, die aber eben die Wahrheit ist, an der auch Gernot Weigl nicht vorbei kann, der Chef des Münchner Marathons. Weigl ist ein gewinnender Mensch und in diesen Tagen kann man in seinem Gesicht wieder den Stolz eines Veranstalters lesen, der mit sich und seinem Werk im Reinen ist. Dennoch befindet er sich in einer seltsamen Situation mit seinem Lauf, den er "mein Baby" nennt, denn die Veranstaltung blüht und bleibt trotzdem stehen. Er hat viel geschafft, wenn man bedenkt, wie 2000 alles begann, vier Jahre nach der Pleite des auf legendäre Weise vernachlässigten Olympia-City-Marathons: mit Schulden und in einem Klima aus Skepsis. Sein Marathon ist finanziell gesund und hat einen attraktiven Kurs. Weigls Organisationskomitee ist längst eine expandierende Agentur und die Teilnehmerzahl klingt gut: Mit den Zehn-Kilometer-Läufern kommt er auf 10 000 Starter.

"Keine Highlights"

Aber der sportliche Anspruch ist mau. Am Anfang bot Weigl noch teure Kenianer auf, organisierte Pressekonferenzen und PR-Aktionen, aber weil das kaum Interesse weckte, konzentrierte er sich bald auf das Kerngeschäft, die Dienstleistung am Breitensportler. Dass beim Münchner Marathon in den nächsten drei Jahren die deutschen Meisterschaften stattfinden, hat das Niveau auch nicht gehoben. In der Meldeliste findet Weigl keinen Läufer mit einer Bestzeit unter 2:20 Stunden. Der prominenteste Starter ist noch Lothar Leder, ein Triathlet, der seine beste Zeit hinter sich hat und über zehn Kilometer startet. Die Öffentlichkeitsarbeit hielt Weigl entsprechend sparsam. "Was sollen wir eine Pressekonferenz machen?", sagt er. "Wir haben ja keine Highlights gehabt."

Die Frage ist, ob das überhaupt ein Problem ist, und es gibt viele, die glauben: Es ist keines. Ortstermin in Gern, Hohenlohestraße. In der Vereinszentrale des München RoadRunners Club (MRRC) sitzen Präsident Knut Kress, sein Stellvertreter Roland Waldhauer sowie Triathlon-Leiter Willi Brabender. Und sie sind zufrieden. Mit ihrem Klub, der ein weiteres Münchner Erfolgsprojekt ist mit fast 700 Mitgliedern und einer Zuwachsrate in den vergangenen Jahren um 15 Prozent. "15 Prozent", sagt Brabender, "so was gibt es eigentlich gar nicht. " Aber auch sonst. Läufer sind eigen, und auch beim MRRC haben anfangs einige mit Argwohn auf Weigl geschaut. Aber er hat sie überzeugt. Die Münchner Agonie ohne eigenen Stadtmarathon ist überwunden, und die MRRC-Läufer klingen fast dankbar. "Der Marathon hat sich wirklich etabliert", sagt Waldhauer. "Er hat jetzt sogar Zuschauer. Früher gab es nur schimpfendes Autofahrervolk." Und vorne? "Da ist in München null", sagt Knut Kress. Aber: "Als hinterer Läufer stört mich das überhaupt nicht." Der Marathon muss funktionieren. Strecke, Verpflegung, Ablauf. Etwas Weltklasse im Feld könnte nicht schaden, aber so was kostet, und wenn die Veranstaltung darunter leidet . . . Kress, Waldhauer und Brabender finden Weigls Marathon in Ordnung. Irgendwie ist er ja sogar ein Ausdruck des Zeitgeists. Kress hat festgestellt: "Die Tendenz geht zum Breitensport."

Sonderpreis für das Wasser

Aber Weigl muss kämpfen. Die Münchner Wirtschaft ist schwer zu begeistern. Dieses Jahr musste er sogar etwas härter mit den Stadtwerken verhandeln, weil die als Sponsor ausstiegen und das Wasser für die Verpflegungsstellen zu einem Sonderpreis verkaufen wollten. Weigl bekommt das Wasser jetzt doch wieder umsonst, aber "erst durch mein massives Vorgehen". Auch von der Stadt fühlt er sich zeitweise im Stich gelassen. Es ist Mittwoch, und immer noch muss er glauben, dass kein Stadtvertreter zum Start kommt. Das stört ihn. "Wir wollen ja kein Lob, aber die moralische Anerkennung." Erst wenig später heißt es, dass Brigitte Meier kommt, die sportpolitische Sprecherin der SPD im Stadtrat. Immerhin.

Man kann schon sagen, dass der Marathon angekommen ist in der Stadt. Aber fertig ist er nicht. Allein wenn man Weigl erzählen hört, wie der DLV einst über den Olympiapark-Chef Wilfrid Spronk das Gespräch mit ihm suchte, obwohl Weigl sich lange gegen die Gebührenregelung der Verbände gewehrt hatte, klingt das nicht so, als wollte der DLV seine Meisterschaften nur deshalb in München haben, weil dieser Marathon so ein toller Lauf ist. Sondern weil der Münchner Marathon so ein toller Lauf ist und damals keinen offiziellen Ausrüster hatte, weshalb er eine günstige Plattform für den DLV-Ausrüster aus Amerika war. Aber vielleicht gibt es ja irgendwann noch einen zweiten Aufbruch. "Ich habe noch kein Patentrezept gefunden", sagt Weigl. Jemanden wie Ulrike Maisch hat er erst gar nicht angesprochen. Gernot Weigl weiß wenigstens, was seinem Baby noch fehlt.

Thomas Hahn

(SZ vom 7.10.2006)