Badische Zeitung vom 24. Januar 2006

“Bis zehn Grad unter null ist es kein Problem”

BZ-INTERVIEW mit dem Sportorthopäden Heinz Birnesser
über Marathon-Training in Eiseskälte und auf glatten Wegen


Heinz Birnesser
(FOTO: BRIGITTE SASSE)
Bei der momentanen Kälte begegnet man zwei Arten von Unerschrockenen an der Dreisam: Stockenten, die völlig kälteunempfindlich im Wasser plantschen und Läufern, die eisern ihre Runden drehen. Noch knappe zehn Wochen Training bleiben bis zum dritten Freiburg-Marathon. Wer sich die 42,195 Kilometer vorgenommen hat, für den wird es höchste Eisenbahn. Isabella Denk hat sich mit Heinz Birnesser, dem Leiter der Sportorthopädie und Sporttraumatologie an der Uniklinik, über Training bei Minus- temperaturen und auf glatten Wegen unterhalten.

BZ: Gehen Sie selbst bei dem Wetter noch laufen?

Birnesser: Da ich noch nicht weiß, ob ich beim Freiburg-Marathon mitlaufe, muss ich jetzt auch nicht zwingend laufen. Aber ich mache sehr viel, vor allem Ski-Langlauf. Und damit kann ich natürlich glatten Wegen ausweichen.

BZ: “Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung” ist eine unter Läufern verbreitete Weisheit. Ist diese auch bei sibirischer Kälte noch uneingeschränkt anwendbar?

Birnesser: Auf jeden Fall. Bei Kälte empfehle ich unbedingt Funktionskleidung, die die Feuchtigkeit nach außen weitertransportiert. Baumwolle, die nass geschwitzt auf der Haut klebt ist bei solchen Temperaturen nichts. Außerdem sollte man Handschuhe und Mütze tragen. Über den Kopf verliert man sehr viel Wärme. In Moskau würde ich momentan übrigens nicht mehr laufen.

BZ: Und wie sieht es bei spiegelglatten Wegen aus? Gibt es ein adäquates Ersatztraining für den Marathon, wenn die Witterung einen Lauf nicht zulässt?

Birnesser: Ich gehe dann in mein privates Fitnessstudio aufs Rad oder auf das Laufband. Das ist natürlich im Vergleich richtig langweilig. Aber es ist besser, als wenn man sich draußen verletzt. Und wie gesagt: Skilanglauf ist wirklich eine sehr schöne Alternative. Durch Gebrauch der Armmuskulatur wird der Körper mehr gefordert als beim Laufen. Und der Kondition bringt es auch etwas.

BZ: Tut man sich körperlich generell wirklich noch etwas Gutes, wenn man momentan in verschärftes Lauftraining einsteigt?

Birnesser: Bis zehn Grad unter null ist es allgemein kein Problem. Skilangläufer bringen bei Minusgraden auch Höchstleistungen, deshalb würde ich generell nicht sagen, dass es schädlich ist, bei solchen Temperaturen Sport zu machen. Leuten, die aber Herz-Kreislauf-Beschwerden haben oder ein empfindliches Bronchialsystem, könnte es etwas ausmachen. Sie können im Ernstfall eine Kälte-Angina oder Atemnot und Husten bekommen. Es empfiehlt sich, langsamer loszulaufen. Auch den kalten Muskeln tut das gut. Aber Kälte hin oder her, wenn man einen Marathon läuft, sollte man sowieso einen internistischen und orthopädischen Check machen. Laufen ist nicht für jeden Körper etwas. Und man will sich doch eigentlich mit einem Marathon etwas Gutes tun.