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Zähe Typen aus der
U-Bahn
Marathon-Urkunden
sind begehrt: Münchens Veranstalter haben den Schummlern den Kampf
angesagt
Es gibt ja die seltsamsten Menschen heutzutage,
deshalb gibt es neuerdings auch springende Marathonläufer. Vermutlich,
so schrieb ein Teilnehmer des Medienmarathons München 2003 in seinem
Brief, sei sein Fuß so hoch über der Zeitkontrollmatte geschwebt, dass
das Signal des Chips nicht registriert wurde. Der Mann ging in
Verteidigungshaltung, hatten ihn doch die Veranstalter einige Wochen
nach dem Münchner Lauf angeschrieben mit der höflichen Bitte um Erklärung,
warum eine bestimmte Kontrollmatte seinen Chip nicht registriert hatte.
"Da muss er schon drüber gesprungen sein wie ein Hürdenläufer",
sagt Marathon-Organisator Gernot Weigl. Denn die Kontrollmatten erfassen
den Chip, der normalerweise am Schuh befestigt wird, bis in Hüfthöhe.
Geht man davon aus, dass ein Marathonläufer bei Kilometer 32 nicht
einfach mal lustig in die Luft springt, bleibt nur eine andere Erklärung:
Der Mann hat die Kontrollmatte gar nicht überlaufen, sondern den Weg
abgekürzt - also geschummelt. 58 Läufer wurden nachträglich aus den
Ergebnislisten des Marathons 2003 gestrichen, weil man es im
Organisationsbüro als erwiesen ansah, dass sie nicht die gesamten 42
Kilometer gelaufen waren. Mit der steigenden Zahl der Marathon-Schummler
steht München nicht allein da, auch andere Veranstalter klagen über
das Problem. Wenn am kommenden Sonntag in München wieder der Marathon
stattfindet (10 Uhr, Olympiapark), wollen es die Veranstalter den Abkürzern
diesmal möglichst schwer machen.
Entlarvt werden die Betrüger dank der elektronischen Zeiterfassung, die
bei großen Marathons, aber auch bei kleineren Volksläufen längst üblich
ist. Die Läufer befestigen einen Computerchip an ihrem Schuh, der ein
Signal an die auf der Strecke ausgelegte Kontrollmatten sendet. So wird
sekundengenau nicht nur die Laufzeit ermittelt, sondern auch die
Durchgangszeiten bei zehn Kilometern und der Halbmarathon-Distanz.
Nachdem einige Zuschauer Gernot Weigl darauf aufmerksam gemacht hatten,
dass manche Marathonläufer an der Giselastraße nicht in die
Leopoldstraße abbiegen, sondern lieber in die U-Bahn-Station traben,
ließ der Organisator im Norden des Englischen Gartens 2003 eine geheime
Kontrollmatte auslegen.
Verdächtige Zwischenzeiten
Und die Falle schnappte zu: Einige Läufer
passierten gar keine der drei ausgelegten Matten, andere verpassten
einen oder zwei Kontrollpunkte. In detektivischer Kleinarbeit fischten
Weigls Mitarbeiter alle Läufer unter den 10 335 Teilnehmern heraus, bei
denen die Zwischenzeiten fehlten oder unrealistisch waren. "Wenn
ein Hobbyläufer die zweite Marathonhälfte sehr viel schneller läuft
als die erste, dann stimmt was nicht", sagt Weigl. "Einer war
in der zweiten Hälfte 45 Minuten schneller als in der ersten."
Die Erklärungen der Ertappten sind eher drollig denn ernst zu nehmen.
Einer gab an, seinen Schuh verloren zu haben und trotzdem weitergelaufen
zu sein. Ein anderer erklärte, er habe einem dringenden Bedürfnis
nachgeben müssen und deshalb offensichtlich just vor der Matte die
Strecke verlassen, aber erst hinterher wieder betreten. Ein besonders höflicher
Schummler zweifelte die Zuverlässigkeit der elektronischen Matten an
und bat, man möge ihm diesmal die genaue Lage mitteilen, "damit
ich meinen Laufplan den Kontrollmatten anpassen kann". Und auch
Betrüger bleiben ungern allein: Ein Paar war innerhalb von zwei
Sekunden über die Startlinie und praktisch ebenfalls gleichzeitig über
die Ziellinie gerannt, doch die anderen Kontrollstellen hatten die
beiden, ebenfalls im Gleichschritt, verpasst. Dreistester Fall war der
einer zehnköpfigen Laufgruppe aus dem Fränkischen: "Vier waren
ehrlich", sagt Weigl. Die anderen sechs Vereinskollegen bogen
gemeinsam von der offiziellen Strecke ab - und flogen auf.
Bleibt die Frage, was jemand von einem Marathon hat, den er eigentlich
gar nicht gelaufen ist - schließlich nehmen die meisten Menschen diese
Strapaze auf sich, weil sie sich selbst etwas beweisen wollen. "Ich
versteh"s nicht", sagt Gernot Weigl ratlos, "das ist doch
eine Blamage bis zum Geht-nicht-mehr, wenn man da erwischt wird."
Auch seine Briefe an die ertappten Schummler haben keine Erhellung
gebracht: Die meisten haben gar nicht geantwortet, der Rest behauptete,
unschuldig zu sein - und reagierte empört. "Einige Briefe waren
schon sehr massiv", sagt Weigl.
Einen Marathon zu laufen ist eben angesagt. Mit dem Prädikat "Marathon-Finisher"
lässt sich nicht nur im Freundeskreis gut protzen, es vermittelt auch
in Bewerbungen um eine neue Arbeitsstelle den Eindruck einer besonders zähen
Persönlichkeit. Doch anders als etwa im Tennis, wo man nur dann
schummeln kann, wenn es sich spontan ergibt, gehört im Marathon ein
Mindestmaß an Planung dazu: Wo verläuft die Strecke, wo fährt welche
U-Bahn? "Der Streckenplan, den jeder Starter bekommt, ist dafür
fast ideal", sagt Ursula Moses, im Medienmarathon-Team für die
Pressearbeit zuständig. Rot ist der Streckenverlauf eingezeichnet, blau
sind die U-Bahnen markiert, auf der Rückseite informiert ein S- und
U-Bahn-Plan über die passende Verbindung zwischen Kilometer 6 und
Kilometer 13.
Immens viel Arbeit
Manche Veranstalter, in Hamburg zum Beispiel,
haben dennoch kein sonderlich großes Interesse daran, die Betrüger
ausfindig zu machen: Es verursacht immens viel Arbeit, außerdem fürchtet
man, das Läuferpublikum zu vergraulen und sich damit selbst um
Startgeld-Einnahmen zu bringen. In München nimmt Gernot Weigl trotzdem
den Kampf gegen die Betrüger auf. "Wir laufen durch das
historische Marathontor ins Olympiastadion ein, das muss man sich 42
Kilometer lang verdienen", sagt er. "Das ist zwar ein
Volkslauf, aber wir wollen trotzdem faire Bedingungen für alle."
Dieses Jahr wird es noch mehr geheime Kontrollmatten geben, außerdem
haben sich die Organisatoren noch ein paar andere Tricks überlegt, wie
sie die Schummler erwischen. Ausplaudern wollen sie die vorher
allerdings nicht.
Christine
Warta
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