MÜNCHEN Montag, 13. Oktober 2003
  Sport

Der Wettkampf der Verfolger

Mit mehr als 10.000 Teilnehmern wird der vierte Medien-Marathon endgültig zur Großveranstaltung

Der Morgen sieht aus, als stünde ein Fußballspiel des FC Bayern kurz bevor, so dicht gedrängt schieben sich die Menschen in Richtung Olympiastadion. Aber er klingt anders, der Morgen. Und er fühlt sich anders an. Kein Gesinge, Getröte, Gejohle. Leise, fast andächtig laufen sie dort durch den Nieselregen und das fahle, dunstige Morgenlicht. Einige murmeln. Andere blicken konzentriert in den Himmel. Und alle haben sich das gleiche Ziel gesetzt: 42,195 Kilometer, die Marathondistanz. Nur ein paar Wenige müssen jetzt schon rennen: um rechtzeitig den Startbereich zu finden, die Umkleiden, die Plätze für die Gepäckaufbewahrung. Die Parkplätze sind überfüllt und die Zufahrtsstraßen dicht. Spätestens im vierten Jahr seines Bestehens ist der Münchner Medien-Marathon eine echte Großveranstaltung geworden.

10 398 Läufer hatten sich angemeldet, eine Zahl, die Gernot Weigls Augen leuchten lässt. „Zu den Zehntausendern zu gehören – das macht uns mächtig stolz“, sagt der Rennleiter des Marathons. Die ersten Läufer passierten schon kurz vor halb eins wieder das Marathontor, die letzten waren am späten Nachmittag noch unterwegs. Als erster lief der für den ASC Darmstadt startende Äthiopier Gamachu Roba durch den Kunstnebel ins Olympiastadion ein – mit einer Zeit von 2:19:26, die international zwar kaum beachtenswert ist, an diesem Sonntag aber zum Sieg reichte. Dann folgte Hermann Achmüller aus Südtirol (2:22:37), deutlich vor dem Münchner Dennis Pyka (2:26:47), den viele im Vorfeld als Favoriten gehandelt hatten. Bei den Frauen war die Vorjahressiegerin Silke Fersch aus Amberg am schnellsten (2:44:57), es folgten Birgit Koch (LG Rupertiwinkel; 2:48:58) und Jeanette Vrga (ASC Darmstadt; 2:50:47). Sie alle saßen längst in der Pressekonferenz, die Waden massiert, die verschwitzten Trikots gewechselt, den Wasserhaushalt ausgeglichen, als sich das Gros der Läufer noch durch die Stadt schob, nur bestrebt durchzuhalten oder die eigene Bestzeit zu unterbieten.

Doch mit dem Startschuss begann noch ein zweiter sportlicher Wettkampf. Er spielte sich weitgehend unterirdisch ab und bestand darin, mit den städtischen U-Bahnen Stück für Stück die eigentliche Marathonstrecke abzufahren. Eine Aufgabe, die vielen Zuschauern ebenfalls den Schweiß auf die Stirn trieb. Sie schoben große, sperrige Plakate („Jörg, Nr. 10076, du schaffst es“) durch die U-Bahn-Türen. Zuerst war die U3 vom Olympiazentrum zum Marienplatz völlig überfüllt. Dann hasteten die Anhänger weiter zum Rosenheimer Platz und nach Steinhausen, später dann möglichst schnell zurück zur Münchner Freiheit, von wo aus man gleich mehrere Kilometerposten erreichen konnte. Und je weiter sich das Feld der Marathon-Läufer auseinander zog, um so unkoordinierter gestaltete sich auch der Wettbewerb ihrer Verfolger. Mit der Zeit fuhren die Zuschauer und ihre Plakate kreuz und quer durch die Stadt, immer individuell abgestimmt auf die persönlichen Bestzeiten derer, die sie anfeuern wollten.

„Das Zuschauerinteresse war phänomenal“, sagte Weigl, „München gewöhnt sich langsam aber sicher an diesen Marathon.“ Zwar kamen auch in diesem Jahr viele erst nach und nach an die Strecke – „aber an einigen Stellen wurden wir wirklich vom Applaus getragen“, sagte die Zweite der Frauenwertung, Birgit Koch. Roba, Achmüller und Pyka dagegen sahen nur wenige Zuschauer. Früh hatten sie eine große Lücke zwischen sich und ihre Verfolger gebracht. Die Entscheidung fiel dann im Englischen Garten. Bei Kilometer 26 liefen die drei noch eng zusammen. Pyka machte Tempo, Achmüller folgte, Roba trottete hinterher. „Der hat Kraft gespart“, sagte Pyka später, sichtlich verärgert von der ungleichen Rollenverteilung. „Naja, es ist schon okay, aber ganz die feine Art ist es nicht.“

Bei Kilometer 27 entschied Achmüller, den Lauf ernst zu nehmen. Eigentlich wollte er sich in München nur auf den Marathon in Venedig Ende Oktober vorbereiten, „aber dann habe ich gesehen, dass ich hier Zweiter werden kann.“ Bei Kilometer 28 schließlich hielt sich Roba an die Empfehlungen seines Trainers Wilfried Raatz. Mit weiten Schritten zog er davon. Pyka folgte mit schmerzverzerrtem Gesicht – „irgendwann ging einfach gar nichts mehr.“ Über 10 000 Meter war Pyka zuletzt Bayerischer Meister geworden, aber in München lief auch er erst seinen zweiten Marathon. „Vielleicht musste ich ein bisschen Lehrgeld zahlen“. Anton Gröschl aus Rosenheim, als Vorjahreszweiter von den Veranstaltern ebenfalls als Mitfavorit ins Spiel gebracht, schleppte eine Erkältung mit über die Strecke. „Ich wäre froh, wenn ich Fünfter werde“, hatte er vor dem Start gesagt, doch dann musste er zwei Mal je 500 Meter gehen. Am Ende wurde er Achter.

Und dann liefen auch alle anderen ein, die Freizeitläufer und Marathon-Debütanten, wie ein gleichmäßig tropfender Wasserhahn spülte sie der Nachmittag auf die Ziellinie. Der Rasen füllte sich, und alles hörte sich so an, wie es auch aussah. Laut, glücklich, aufgedreht. Als hätte der FC Bayern gerade ein Fußballspiel gewonnen.

Claudio Catuogno