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Der
Wettkampf der Verfolger
Mit mehr als 10.000
Teilnehmern wird der vierte Medien-Marathon endgültig zur Großveranstaltung
Der Morgen sieht aus, als stünde
ein Fußballspiel des FC Bayern kurz bevor, so dicht gedrängt schieben
sich die Menschen in Richtung Olympiastadion. Aber er klingt anders, der
Morgen. Und er fühlt sich anders an. Kein Gesinge, Getröte, Gejohle.
Leise, fast andächtig laufen sie dort durch den Nieselregen und das
fahle, dunstige Morgenlicht. Einige murmeln. Andere blicken konzentriert
in den Himmel. Und alle haben sich das gleiche Ziel gesetzt: 42,195
Kilometer, die Marathondistanz. Nur ein paar Wenige müssen jetzt schon
rennen: um rechtzeitig den Startbereich zu finden, die Umkleiden, die Plätze
für die Gepäckaufbewahrung. Die Parkplätze sind überfüllt und die
Zufahrtsstraßen dicht. Spätestens im vierten Jahr seines Bestehens ist
der Münchner Medien-Marathon eine echte Großveranstaltung geworden.
10 398 Läufer hatten sich angemeldet, eine Zahl, die Gernot Weigls Augen
leuchten lässt. „Zu den Zehntausendern zu gehören – das macht uns mächtig
stolz“, sagt der Rennleiter des Marathons. Die ersten Läufer passierten
schon kurz vor halb eins wieder das Marathontor, die letzten waren am späten
Nachmittag noch unterwegs. Als erster lief der für den ASC Darmstadt
startende Äthiopier Gamachu Roba durch den Kunstnebel ins Olympiastadion
ein – mit einer Zeit von 2:19:26, die international zwar kaum
beachtenswert ist, an diesem Sonntag aber zum Sieg reichte. Dann folgte
Hermann Achmüller aus Südtirol (2:22:37), deutlich vor dem Münchner
Dennis Pyka (2:26:47), den viele im Vorfeld als Favoriten gehandelt
hatten. Bei den Frauen war die Vorjahressiegerin Silke Fersch aus Amberg
am schnellsten (2:44:57), es folgten Birgit Koch (LG Rupertiwinkel;
2:48:58) und Jeanette Vrga (ASC Darmstadt; 2:50:47). Sie alle saßen längst
in der Pressekonferenz, die Waden massiert, die verschwitzten Trikots
gewechselt, den Wasserhaushalt ausgeglichen, als sich das Gros der Läufer
noch durch die Stadt schob, nur bestrebt durchzuhalten oder die eigene
Bestzeit zu unterbieten.
Doch mit dem Startschuss begann noch ein zweiter sportlicher Wettkampf. Er
spielte sich weitgehend unterirdisch ab und bestand darin, mit den städtischen
U-Bahnen Stück für Stück die eigentliche Marathonstrecke abzufahren.
Eine Aufgabe, die vielen Zuschauern ebenfalls den Schweiß auf die Stirn
trieb. Sie schoben große, sperrige Plakate („Jörg, Nr. 10076, du
schaffst es“) durch die U-Bahn-Türen. Zuerst war die U3 vom
Olympiazentrum zum Marienplatz völlig überfüllt. Dann hasteten die Anhänger
weiter zum Rosenheimer Platz und nach Steinhausen, später dann möglichst
schnell zurück zur Münchner Freiheit, von wo aus man gleich mehrere
Kilometerposten erreichen konnte. Und je weiter sich das Feld der
Marathon-Läufer auseinander zog, um so unkoordinierter gestaltete sich
auch der Wettbewerb ihrer Verfolger. Mit der Zeit fuhren die Zuschauer und
ihre Plakate kreuz und quer durch die Stadt, immer individuell abgestimmt
auf die persönlichen Bestzeiten derer, die sie anfeuern wollten.
„Das Zuschauerinteresse war phänomenal“, sagte Weigl, „München gewöhnt
sich langsam aber sicher an diesen Marathon.“ Zwar kamen auch in diesem
Jahr viele erst nach und nach an die Strecke – „aber an einigen
Stellen wurden wir wirklich vom Applaus getragen“, sagte die Zweite der
Frauenwertung, Birgit Koch. Roba, Achmüller und Pyka dagegen sahen nur
wenige Zuschauer. Früh hatten sie eine große Lücke zwischen sich und
ihre Verfolger gebracht. Die Entscheidung fiel dann im Englischen Garten.
Bei Kilometer 26 liefen die drei noch eng zusammen. Pyka machte Tempo,
Achmüller folgte, Roba trottete hinterher. „Der hat Kraft gespart“,
sagte Pyka später, sichtlich verärgert von der ungleichen
Rollenverteilung. „Naja, es ist schon okay, aber ganz die feine Art ist
es nicht.“
Bei Kilometer 27 entschied Achmüller, den Lauf ernst zu nehmen.
Eigentlich wollte er sich in München nur auf den Marathon in Venedig Ende
Oktober vorbereiten, „aber dann habe ich gesehen, dass ich hier Zweiter
werden kann.“ Bei Kilometer 28 schließlich hielt sich Roba an die
Empfehlungen seines Trainers Wilfried Raatz. Mit weiten Schritten zog er
davon. Pyka folgte mit schmerzverzerrtem Gesicht – „irgendwann ging
einfach gar nichts mehr.“ Über 10 000 Meter war Pyka zuletzt
Bayerischer Meister geworden, aber in München lief auch er erst seinen
zweiten Marathon. „Vielleicht musste ich ein bisschen Lehrgeld
zahlen“. Anton Gröschl aus Rosenheim, als Vorjahreszweiter von den
Veranstaltern ebenfalls als Mitfavorit ins Spiel gebracht, schleppte eine
Erkältung mit über die Strecke. „Ich wäre froh, wenn ich Fünfter
werde“, hatte er vor dem Start gesagt, doch dann musste er zwei Mal je
500 Meter gehen. Am Ende wurde er Achter.
Und dann liefen auch alle anderen ein, die Freizeitläufer und
Marathon-Debütanten, wie ein gleichmäßig tropfender Wasserhahn spülte
sie der Nachmittag auf die Ziellinie. Der Rasen füllte sich, und alles hörte
sich so an, wie es auch aussah. Laut, glücklich, aufgedreht. Als hätte
der FC Bayern gerade ein Fußballspiel gewonnen.
Claudio
Catuogno |