| MÜNCHEN | Donnerstag, 9. Oktober 2003 |
| Sport | |
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Rendezvous an der Ziellinie Die ungleichen Läufertypen Gröschl und Pyka lernen sich kennen – als Favoriten beim Medienmarathon Da stand also Anton Gröschl im Olympiastadion und blickte erstaunt und ein bisschen amüsiert um sich. Ein paar Fetzen von künstlichem Nebel waberten durch das Stadionrund, der Moderator eines Radiosenders versuchte, die laute Musik zu überschreien. Auf der Haupttribüne drängten sich die Menschen, sie klatschten und riefen und winkten und waren vor allem froh, dass da unten auf der Kunststoffbahn endlich etwas passierte. Und es war in der Tat etwas Bemerkenswertes geschehen. Der Marathonläufer Anton Gröschl war beim Münchner Marathon 2002 als Zweiter ins Ziel gekommen, rund dreieinhalb Minuten nach dem neuseeländischen Bergweltmeister Jonathan Wyatt. Gröschl stand und schaute und wunderte sich über den Rummel, den er verursacht hatte. „Ich dachte, ich werde höchstens Zehnter“, kommentiert er seinen furiosen Lauf ein Jahr später. Am kommenden Sonntag startet Gröschl wieder beim Marathon in München, doch die „1“ auf dem Trikot haben ihm die Veranstalter verwehrt. Die darf sich einer überziehen, der in den Augen von Organisationsleiter Gernot Weigl das in München viel beschworene Prädikat „local hero“ wirklich erfüllt: Dennis Pyka, der in München lebt und arbeitet. Einer, den man kennt in der Laufszene. Allerdings auch einer, der in München erst seinen zweiten Marathon bestreitet. Der Gelassene Wenn man also wollte, könnte man das Duell der beiden voraussichtlich schnellsten Läufer in München hochstilisieren zu einem Kampf Alt gegen Jung, Erfahrung gegen Marathon-Neuling, Volks- gegen Bahnläufer. Fest steht, dass die beiden Läufer, die dem Feld vorweg laufen sollen, in der Tat zwei sehr unterschiedliche Athleten sind. Vermutlich haben sie sich auch deshalb noch nicht kennen gelernt. „Ich kenne ihn von Fotos“, sagt Pyka über Gröschl. „Ich hab ihn schon mal gesehen“, sagt Gröschl über Pyka. „Aber gesprochen noch nicht.“ Anton Gröschl ist ein erfahrener Marathonläufer. Bis 1985 widmete sich der Justizwachmeister aus Rott am Inn dem Amateurboxen, dann schwenkte er um zum Laufsport. Innerhalb weniger Jahre rannte er über 5000 und 10 000 Meter an die bayerische Spitze und gewann mehrere Titel. 1987 bestritt er seinen ersten Marathon – in München. „Ich bin etwas um die 2:50 gelaufen“, sagt er. Mit zunehmendem Alter verlagerte er sich mehr und mehr auf die Marathonstrecke. „Das ist mir gut bekommen“, sagt er. Offensichtlich: Anton Gröschl ist 44 Jahre alt, und er hat im März diesen Jahres bereits den Bienwald-Marathon in Kandel gewonnen – mit 2:29,01 Stunden. Seine Bestzeit stammt aus dem vergangenen Jahr, aus München: Damals überquerte er nach 2:26, 54 Stunden das Ziel. Das diesjährige Marathonrennen in München will Gröschl ruhig angehen. „Seit vier Wochen werde ich diesen Husten nicht los“, sagt er. „Aber starten will ich unbedingt.“ Anton Gröschl ist ehrgeizig, er hat sich für München eine Zeit um die 2:28 vorgenommen und deshalb auch nicht mit dem Training pausiert, als er erstmals die Erkältung bemerkte. 120 Kilometer läuft er an sechs Tagen die Woche – „und ich mache immer Tempo“, sagt er, „sonst ist mir das zu langweilig.“ Während er im Training, öfters auch gemeinsam mit den Sportfreunden vom PostTelekom SV Rosenheim, kaum zu stoppen ist, hat Gröschl gelernt, ein Marathonrennen ohne Hektik anzugehen. „Früher bin ich immer zu schnell losgerannt“, sagt er. Heute hingegen weiß er, zu welchem Zeitpunkt eines Rennens er welche Leistung bringen kann. Beim München-Marathon 2002 sammelte er die Favoriten souverän von hinten auf, darunter Christian Jocher und Dirk Schinkoreit. Der Erschöpfte Ob Gröschl auch diesmal alle überrunden kann, hängt stark von seinem Kontrahenten ab: von Dennis Pyka, 31. „Er ist viel jünger als ich und viel stärker“, sagt Gröschl. „Auf 10 000 Metern wär ich chancenlos.“ Dennis Pyka läuft die 10 000 Meter unter 30 Minuten, seine Bestzeit auf 5000 Meter liegt bei 14:08 Minuten. Pyka hat die Münchner Silvesterläufe 2001 und 2002 gewonnen, außerdem heimste der gebürtige Aachener diverse Landesmeistertitel in Rheinland-Pfalz und Bayern ein. Er trainiert allein, auch wenn er für die LG Regensburg startet. „Ich mache das alles nur für mich“, sagt er. Nach einem Zehn-Stunden-Tag als Marktforscher in der Tourismusbranche zieht er sich die Laufschuhe an und bringt Woche für Woche 150 Kilometer hinter sich. „Das muss reichen“, sagt er. Mehr Zeit hat er nicht, um zu trainieren. Im Gegensatz zu Gröschl ist Dennis Pyka erst einen Marathon gelaufen: in Hamburg. „Ich wollte unbedingt finishen“, sagt er. Das hat er getan, auch wenn Freunde ihm hinterher offenbart haben, dass sein Anblick im Ziel schmerzlich gewesen sein muss. Bei Kilometer 32 war ihm das Laufen schwerer und schwerer gefallen. Am Ende rannte er nach 2:25,57 Stunden über die Ziellinie, doch er war völlig erschöpft. Für seinen zweiten Marathon hat sich Pyka dennoch ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: „Ich will so nah wie möglich ran an die 2:20“, sagt er und gibt zu: „Ich schiele ein bisschen auf die Plätze.“Denn die Chance, erstmals bei einem größeren Marathon ganz oben zu stehen, haben beide erkannt. Organisator Weigl hat keine Profis engagiert – München 2003 bietet den beiden Freizeitläufern sogar die Gelegenheit, zu gewinnen. Und trotzdem stapeln sie tief: „Ein Gewinn wäre sehr überraschend“, sagt Gröschl. Pyka hingegen hadert mit seiner Leistung bei einem Halbmarathon, der als Generalprobe dienen sollte und keineswegs so verlief, wie er sich das vorgestellt hatte. „Das war schlecht, wer weiß, was das bedeutet.“ Am Sonntag jedenfalls werden sich die beiden ungleichen Kontrahenten Gröschl und Pyka endlich kennen lernen – vielleicht sogar besser, als es ihnen lieb ist. Christina Warta |