|
|
| MÜNCHEN | Montag, 15. Oktober 2001 |
| Sport | |
|
|
|
Laufen ohne Lärmbelästigung Der Medien-Marathon hat eine verbesserungsfähige Strecke und lockt viele Läufer, aber wenig Zuschauer |
(SZ vom 15.10.2001) - Als Philipp Kipkemboi nach gut 39 Kilometern am
Ufer des Olympiasees entlanglief, spielte ein Lächeln um seine Lippen.
Die letzten Kilometer eines Marathons sind eigentlich die härtesten,
doch der kenianische Läufer wurde von einer Gruppe Radfahrer
angefeuert, die direkt hinter ihm herfuhren.
Fast schien es, als könne Kipkemboi noch einmal schneller werden und seinen härtesten Konkurrenten einholen: den Ukrainer Andreij Naumow, der 50 Meter vor ihm herlief. Naumow war losgespurtet, kurz bevor es beim 2. Medienmarathon München in den Olympiapark ging – nachdem das Duo 38 Kilometer lang einträchtig nebeneinander her gelaufen war. Naumow spreizte die Arme vom Körper ab, seine Wangen waren rot gefleckt. Durch seine gelb-blauen Turnschuhe sickerte Blut und färbte das Kunststoffmaterial rot. Entscheidung auf Petuelring-Brücke Die Brücke über den Petuelring brachte die Entscheidung. Die Füße Kipkembois schienen auf dem Asphalt kleben zu bleiben, während Naumow sein Tempo beibehielt. Die letzten Meter durch das Gelände der Zentralen Hochschulsportanlage in das Stadion hinein rannte der Ukrainer trotzdem, als würde Kipkemboi nur ein paar Meter hinter ihm herjagen. Er preschte durch das Stadionrund und hätte fast noch die Sportstudentin im Münchner-Kindl-Kostüm abgehängt, die ihm den Siegerkranz um den Hals hängen wollte. Nach 2:13:56 Stunden lief Andreij Naumow als Sieger des 2. Medienmarathon München ins Ziel, 45 Sekunden später kam auch Kipkemboi an. Bei den Frauen siegte Valentina Delion aus Moldawien (2:43:40) vor der Berlinerin Annette Wolfrom (2:49:39). Marathon ohne Überraschungen Dieser zweite Münchner Marathon seit der Wiederbelebung 2000 war weniger spektakulär als sein Vorgänger. Es gab keine Bestzeiten zu vermelden, keine großen Überraschungen, keine Zuschauerrekorde. Immerhin: 6223 Läufer rannten auf einer neu gestalteten Marathonstrecke durch München – fast tausend mehr als im Jahr zuvor. Man kann nach zwei Jahren kaum davon sprechen, dass sich der Marathon in München schon wieder etabliert hat. Trotzdem waren die Reaktionen auf den Lauf überwiegend positiv. „München hat das Potenzial, ein guter Marathon zu werden“, sagte der Triathlet Roland Knoll (SC Delphin Ingolstadt), der als Vierter ins Ziel lief. Pittoresker Lauf Nach 42 Kilometern war dies auch die Erkenntnis vieler anderer Läufer: Über weite Strecken ist der Münchner ein recht pittoresker Marathon, zum Beispiel auf den Streckenabschnitten durch Schwabing, am Marienplatz und durch den Englischen Garten. Auf anderen Straßen hingegen waren gerade die besseren Athleten völlig allein. Die Zamdorfer Straße etwa, in der die Zeitmessstelle des Halbmarathons installiert war, lag minutenlang ausgestorben da, obwohl die Spitze des Feldes diesen Abschnitt längst passiert hatte. Am Ende waren es indes nicht die einsamen Streckenabschnitte des Marathons, die am häufigsten kritisiert wurden. "Spitzkehren und Hügel vermeiden" „Diese Spitzkehren“, sagte Annette Wolfrom, „sind nicht optimal.“ Wenige Kilometer vor dem Ziel mussten die Läufer eine Verkehrsinsel überqueren und in die Gegenrichtung laufen, im Olympiapark und im Gelände der ZHS ging es gleich darauf bergauf und bergab – für die steife Muskulatur eine Qual. „Auch die Hügel könnte man vermeiden“, sagte die Läuferin vom OSC Berlin. Darüber hinaus hatten am Morgen Wartezeiten bei den Umkleidekabinen für Unruhe unter den Läufern gesorgt. Verbesserungsvorschläge gibt es einige – doch die Veranstalter waren gestern erst einmal erleichtert, dass der Marathon ohne große Zwischenfälle über die Bühne gegangen war. Rennleiter Gernot Weigl atmete im Zielraum tief durch, als Naumow als erster Athlet im Ziel ankam. Aufs Siegerpodest gehumpelt Später, als die Läufer des Hauptfelds in der Zentralen Hochschul- Sportanlage eintrafen mit einer Zeit zwischen drei und vier Stunden, humpelte Andreij Naumow bereits mit einem dick verbundenen Fuß zur Siegerehrung. „Ich fühle mich gut“, sagte er und blickte auf seine Füße hinab. Dabei hatte der Ukrainer bei Kilometer 34 schon daran gedacht, den unermüdlichen Kipkemboi ziehen zu lassen. „Ich war überzeugt, dass er an dem Kenianer nicht vorbeikommt“, sagte Naumows Manager Günther Vogl. „Aber Andreij ist eben ein unheimlicher Beißer.“ "Zu wenig gegessen - zu viel trainiert" Keine Kraft für bissige Attacken hatte hingegen Annette Wolfrom. 30 Kilometer lang war sie Seite an Seite mit der späteren Siegerin Delion gelaufen. Dann fiel sie zurück. „Ich habe in letzter Zeit wohl zu wenig gegessen und zu viel trainiert“, sagte sie. Im Ziel klappte die Ärztin erschöpft zusammen und blieb minutenlang bewegungslos auf dem Rasen liegen. Eine Stunde später war sie wieder fit: „Mit der Zeit bin ich nicht zufrieden, mit der Platzierung schon“, sagte sie und blickte zu Andreij Naumow. Um die ursprünglich angestrebten 2:40 Stunden zu knacken, hätte Annette Wolfrom ein bisschen Energie vom Sieger Naumow vermutlich gut gebrauchen können. |