
| München Sport | Samstag, 13. Oktober 2001 |
Ich war Joschka Lächeln statt hecheln: Ein Trainingswochenende mit Marathon-As Herbert Steffny |
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Zugegeben, viele Gemeinsamkeiten haben Joschka Fischer und ich nicht. Er reist mit dem Regierungsjet durch die Welt, ich mit der Bahncard. Er diniert mit Frau Albright, ich mit meinen Kumpels vom Fußballverein. Er läuft Marathon im Central Park und ich fünf schwitzige Kilometer im Englischen Garten. Und doch – eines verbindet uns: der Trainer. Herbert Steffny heißt er und ist der einzige Bundesdeutsche, der je eine Medaille im Marathon gewonnen hat – Bronze bei den Europameisterschaften in Stuttgart 1986. Gewonnen hat er auch in Frankfurt, München und Boston, oft mit Rekordzeiten. Die Zeit ist mir allerdings egal, ich möchte nur durchs Ziel kommen. Also nehme ich Trainerstunden. Joschka hatte wahrscheinlich Privatunterricht bei Deutschlands Marathon-Guru, bei mir langt es immerhin für ein Wochenend-Laufseminar am Titisee im Schwarzwald. Der Meister kommt übrigens mit öffentlichen Verkehrsmitteln angereist: Steffny hat nämlich keinen Führerschein. Zu Fuß geht es auch gleich los, mit der „Polar-Armbanduhr“, die die Herzfrequenz anzeigt. „Lächeln statt hecheln“ ist die Devise von Herbert Steffny für die sechs ersten Nachmittagskilometer durch den Wald. Überhaupt wundert sich Deutschlands bekanntester Marathonläufer über das Tempo, das die Jogger vorlegen: „Fast jeder Läufer ist zu schnell unterwegs. Aber wer wirklich etwas für seine Ausdauer und seinen Fettabbau tun will, kann gar nicht langsam genug laufen.“ Sein Trick dabei: Sich beim Laufen einfach unterhalten, dann bleibt man automatisch langsam. Fett abbauen, deswegen sind Claus und Andrea aus Heidelberg beim Lauftraining. Der Heilpädagoge hat sein Gewicht von 118 auf 88 Kilo gedrückt und sich dann – ausgerechnet beim Laufen – auf Glatteis das Bein gebrochen. Jetzt ist er auf 107 Kilo und der Kampf beginnt von Neuem – aber mit Spaß: „Nach acht Diäten war ich unglücklich und wurde immer fetter, beim Laufen fühle ich mich nachher jedes Mal gut“, sagt er. Allein die Vision, einmal im Leben die berühmten 42,195 Kilometer zu schaffen, hält die Leute jahrelang beim Laufen, da ist sich Steffny sicher. Am zweiten Tag gibt es „Trainingslehre für Fitness und Wettkampf“, einen Zahlenmarathon am Overhead-Projektor. Nix für mich, aber für die Cracks, von denen fast jeder so ein Hemd trägt, das auf Heldentaten hinweist: „Boston 1994“ etwa. Oder „Jungfrau-Marathon“ (geht immer nur bergauf). So etwas hätte ich natürlich auch gern, aber genau diese Lauf-Orden aus Baumwolle gibt es nicht beim Verkaufsnachmittag in der Turnhalle. Am Abend, beim medizinischen Fitness-Check (Laktatmessung, Body-Mass- Index und Fettanteil im Körper), kommt mein ganz großer Auftritt, um den mich vielleicht sogar er, Joschka, beneiden würde: Ich habe Werte, die geradezu nach Marathon schreien. Am letzten Tag des Seminars kann ich dem Ernährungsvortrag deswegen nur noch bedingt folgen. Steffny empfiehlt uns mehr Kohl und Hirse zu essen, „denn das ist der Fraß, mit dem die kenianischen Olympiasieger über uns herfallen“. Aber vorher kommt noch der 5. Volkslauf „Rund um den Titisee“ mit 5,8 Kilometern, bei dem unsere Gruppe geschlossen teilnimmt: Steffny lässt alle seine Ernährungsregeln sausen und gibt sich eine halbe Stunde vor dem Start zwei Marmeladensemmeln, etliche Tassen Kaffee und gewinnt. Ich komme übrigens auch an. Beim München-Marathon am Sonntag ist Steffny nicht dabei und Joschka hoffentlich auf Staatsbesuch. Das erhöht eindeutig meine Siegchancen. |