München Sport Samstag, 13. Oktober 2001

Ritual für die Seele

Beim Medien-Marathon werden 7000 Läufer erwartet – für viele ist es eine Premiere

Von Ralph Müller-Gesser

Spaziergänger schlagen die Kragen ihrer Mäntel wieder hoch. Die Natur trägt Gelbrotbraun. Die Tage werden kürzer. Jetzt kann man sich entweder mit einer Tafel Schokolade im Zimmer verkriechen – oder der herankriechenden Herbstdepression nebst drohendem Winterspeck einfach davonlaufen. Der Herbst ist traditionell der Höhepunkt der Marathon-Saison, und von Jahr zu Jahr wird die Zahl der Lauf-Adepten größer: 35000 in Berlin, 16000 in Köln; beim zweiten Medien- Marathon in München werden sich am Sonntag rund 7000 über den Asphalt schleppen. Dabei gibt es nun wirklich andere Sportarten, die Körper und Psyche fordern und erschöpfen, es gibt andere Möglichkeiten, sich fit zu halten. Warum also laufen so viele Menschen Marathon? Warum quälen sie sich, bis der Atem rast, die Knie schmerzen und die Muskeln so hart werden wie Eisenträger?

Bärbel Bartl zum Beispiel. Sie will morgen ihren ersten Marathon laufen. „Viereinhalb Stunden habe ich mir als Ziel gesetzt“, sagt die 28-Jährige. Viereinhalb Stunden bedeutet, dass sie für jeden der 42 Kilometer nicht mehr als sechs Minuten dreißig brauchen darf. Das ist nicht besonders schnell, aber Bärbel Bartl hat auch erst vor drei Monaten angefangen, sich auf den Marathon vorzubereiten. „Ich habe früher in einer Werbeagentur gearbeitet. Jeden Tag das Gleiche: Kaffee und Zigaretten. So konnte das nicht weitergehen. “ Als sie die Werbebroschüre für einen Stadtlauf las, war die Entscheidung gefallen: Sie begann zu laufen.

„Da wollen Sie doch nicht etwa teilnehmen?“, hat ihr Chef sie noch gefragt, als er Bärbel Bartl wenig später mit der Broschüre des „Medien- Marathon München“ erwischte. Alles nur ein Frage des Trainings, dachte sie sich und meldete sich zum drei-monatigen Crash-Kurs für Marathon-Neulinge an. Rund 20 Leute trafen sich Ende Juni – alle mit demselben Ziel: „Ich stehe den Marathon durch.“ Die Trainingspläne wurden per Mail verschickt. Olympiapark, ZHS-Gelände, Schloss Nymphenburg oder Englischer Garten: immer wechselnde Strecken, immer andere Längen und Intensitäten, vier Mal pro Woche. Besonders hart war der Einstieg. Nach dem Training stieg Bärbel Bartl oft nur mit Mühe die Treppen zu ihrer Wohnung hinauf. „Aber jetzt bin ich fit für den Marathon“, sagt sie und strahlt.

Auch Titus Arnu, 35, wird am Sonntag versuchen, die 42 Kilometer durchzustehen. Auch er zum ersten Mal. Ursprünglich wollte er nur etwas gegen seine Migräne tun. „Mein Arzt hat mir geraten zu laufen“, erzählt der Journalist. Seit er sich daran hält, sind die Kopfschmerzen weg. „Mittlerweile kann ich ohne Laufen nicht mehr leben. Es ist wie ein Ritual – es tut der Seele gut.“ Mit einem Freund hat er sich auf den Marathon vorbereitet. Die Trainingsplanung entnahmen sie einem Buch von Herbert Steffny. „Die Bibel für jeden Läufer“ (siehe unten).

„Bevor man sich an einen Marathon wagt, ist das Wichtigste eine gründliche medizinische Untersuchung“, sagt Tomas Buchhorn. Er ist Orthopäde im Klinikum München-Harlaching und offizieller Marathonarzt mit einer Sprechstunde für Läufer. Viele überschätzten sich. Gelenkfehlstellungen, muskuläre Dysbalancen, Herz-Kreislauf-Probleme – all dies müsse vorher ausgeschlossen werden. Allein beim Münchner Marathon vor einem Jahr hat sich mehr als die Hälfte der Teilnehmer zum ersten Mal an die 42-Kilometer-Distanz gewagt. „Doch nur ein paar waren vorher beim Arzt“, kritisiert Buchhorn. Am Sonntag wird er mit vier Kollegen und mehr als 50 Physiotherapeuten die Läufer betreuen.