Vom München Road Runners Club gelesen:

München Sport Freitag, 12. Oktober 2001

Im Zeichen der schönen Null

Dem Medien-Marathon fehlen in diesem Jahr die ganz großen Stars – Renndirektor Weigl muss sparen

Gernot Weigl ist Vorsitzender des Vereins für City- Marathon in München, und als solcher hoffte er auf ein Signal – prompt bekam er es. Vor einem Jahr, beim wiederbelebten Münchner Marathon, zogen die kenianischen Läufer Michael Kite und Joel Sankale mit Siegerzeiten unter 2:10 Stunden das Interesse auf sich. Die Botschaft war deutlich: Nach einer vierjährigen Marathonpause hatte sich München in der Läuferszene zurückgemeldet, mit einem spannenden Duell an der Spitze des Männerfelds und Zeiten, die selbst unter Weltklasse-Marathonläufern einiges gelten.

Am Sonntag um 9 Uhr fällt im Olympiapark der Startschuss für den 2. Medien-Marathon München. Doch Spitzenzeiten, ähnlich spektakulär wie die der Premierenveranstaltung, erwartet in der Organisationszentrale des Marathonvereins heuer niemand. Denn es muss gespart werden in München. Vom 1. Medienmarathon drückt die Veranstalter immer noch ein Defizit von 300000 Mark. Geht es nach Gernot Weigl, dann sollen nach der Abrechnung 2001 zumindest die Schulden abgebaut werden können. „Eine schöne Null wäre mir am liebsten“, sagt Weigl.

Naturläufer auf Asphalt

Die Sparpolitik hat allerdings ihren Preis. Auf Marathon- Stars, die das Publikum an den Straßenrand locken, muss der Münchner Marathon in diesem Jahr verzichten. Und man wird wohl am Ende auch nicht über internationale Spitzenzeiten staunen können, weder bei den Frauen noch bei den Männern.„Das Feld wurde aus Budgetgründen in der Spitze ausgedünnt“, sagt der Szenekenner Christoph Kopp, der in München die Elite der Läufer betreut.

Das Feld der Läuferinnen sollte ursprünglich die ehemalige Biathletin Larisa Timkina aus Moldawien anführen, die im Mai den Mainz-Marathon in 2:34: 06 Stunden gewonnen hatte. Doch Timkina hat wegen eines Todesfalls in der Familie ihre Teilnahme abgesagt. Stattdessen startet Valentina Delion, die ebenfalls aus Moldawien stammt. Ihre Bestzeit liegt bei 2:41:10 Stunden, in diesem Jahr gewann sie überraschend den Regensburger Marathon in 2:43:35 Stunden. Auch eine deutsche Läuferin wird sich voraussichtlich in die Entscheidung bei den Frauen einmischen: die 32-jährige Berliner Ärztin Annette Wolfrom hat den diesjährigen Marathon in Rotterdam mit Bestleistung (2:40:10 Stunden) hinter sich gebracht.

Auch bei den Männern wird sich die Entscheidung wohl auf ein Duell zwischen zwei Läufern zuspitzen. Der Ukrainer Andrej Naumow hat erst kürzlich mit dem Gewinn des Kärwa-Laufs (21:53 Minuten) in Fürth über 7,5 Kilometer seine gute Form demonstriert. Beim Marathon in Prag wurde Naumow mit einer neuen persönlichen Bestzeit von 2:12:31 Stunden Sechster des Klassements. In München trifft Naumow auf den kenianischen Läufer Philip Kemei. Der 24-Jährige hat ebenfalls in diesem Jahr eine neue persönliche Bestleistung aufgestellt: Mit 2:15:11 Stunden lief Kemei, der von der Bahn kommt und offensichtlich auf die Marathondistanz umsattelt, beim Bozen-Marathon als Zweiter ins Ziel.

Ebenfalls in München eingetroffen ist der Extrem-Läufer Mohamad Ahansal, der 1998 in seiner Heimat Marokko den 240 Kilometer langen Wüstenlauf Marathon de sable in 16:22:29 Stunden gewann und in dieser Saison den „Swiss Alpine Marathon“ als Dritter beendete. „Ahansal ist eher ein Naturläufer“, sagt Gernot Weigl. Zwar hat auch er bereits einen Versuch über die klassische Marathondistanz hinter sich (2:18 Stunden in Marakesch), doch es bleibt fraglich, ob sich Ahansal auf dem Asphalt wohl fühlen wird. „Ich gehe bei den Männern von einer Zeit um 2:14 Stunden aus“, sagt Kopp. „Alles andere wäre eine angenehme Überraschung.“ Bei den Frauen rechnet der Experte mit einem Zieleinlauf nach 2:40 Stunden. „Ich nehme an, die wollen die 2:40 knacken.“

Bis gestern hatten sich insgesamt 5970 Läufer für den Medienmarathon angemeldet. „Wir rechnen noch mit zehn Prozent Nachmeldungen“, sagt Gernot Weigl. Der Frauenanteil, der im vergangenen Jahr ungewöhnlich hoch war, liegt in diesem Jahr bei gewöhnlichen 18 Prozent. Dass die angepeilte 7000er-Marke nicht erreicht wurde, liegt für Weigl an der Verunsicherung vieler Athleten nach den Anschlägen in den USA: „Das Interesse ist nach dem 11. September deutlich zurückgegangen.“ Der Vereinsvorsitzende erwartet, dass sich am Sonntag dennoch rund 6500 Sportler auf den Weg durch die Stadt machen. Er sagt: „Damit sind wir zufrieden.“ Auch, wenn man in der zweijährigen Geschichte des Münchner Marathons sicher noch nicht von einem ernstzunehmenden Teilnehmerrekord sprechen kann.

Christina Warta