München Sport Mittwoch, 10. Oktober 2001

Die Unsicherheit läuft mit

Von Thomas Hahn

In diesen Tagen scharren immer noch Tausende ungeduldig im Staub der Straßen, treffen letzte Vorbereitungen am eigenen Körper und warten mit einer Mischung aus Vorfreude und Unsicherheit auf den Startschuss, der sie auf eine Reise über 42,195 Kilometer schickt. Noch viermal schlafen, dann rennen sie durch München, zwei Wochen später durch Frankfurt, am 4. November durch New York. Der Herbst ist die Jahreszeit der Marathonläufer, und dieser ist noch nicht vorbei. Er wird wohl noch ein paar Teilnehmerrekorde bringen, ganz bestimmt aber weitere Zeugnisse für eine Bewegung, die mehr denn je die Massen anzieht.

Wie sollte es anders sein? Schon jetzt hat der Herbst 2001 der Disziplin eine Publicity eingebracht von der manch andere leichtathletische Sparte nur träumen kann. Die Japanerin Naoko Takahashi und Kenias Catherine Ndereba lieferten zwei malerische Weltbestzeiten, vor allem aber: Am Start waren so viele Sportler wie noch nie: 31000 in Berlin vor zehn Tagen, 16000 am Sonntag in Köln. Es ist, als wolle die westliche Konsumgesellschaft beweisen, dass sie mehr kann als nur Auto fahren.

Die Gründe für den so genannten Boom sind vielschichtig und sicherlich nicht allein mit der verknappten wissenschaftlichen Erkenntnis zu erklären, dass Glückshormone den Marathonläufer zwischenzeitlich in eine Art Rauschzustand versetzen. Die einen wollen in Laufschuhen ihre Leistungsgrenzen ausloten, andere suchen den Schmerz des Marathons als Alternative zu einem Alltag, der keine körperlichen Herausforderungen bietet. Wieder andere sehen im Laufen eine tröstliche Flucht vor den eigenen Problemen, nochmal andere eine Form aktiver Meditation. Für manche ist das Laufen zum selbstverständlichen Bestandteil der persönlichen Lebenskultur geworden. Und dann gibt es Leute, die sich der Prüfung Marathon vor allem deshalb stellen, um hinterher von ihrem Fünfstunden-Trip erzählen zu können. Die ihr ziemlich normales Leben mit etwas aufpeppen wollen, das in ihren Augen ein Abenteuer ist.

Jedenfalls ist das Marathonlaufen zu einem Massenphänomen erwachsen, mit allen Vor- und Nachteilen. Marathons tragen ein beträchtliches Sicherheitsrisiko in sich. Wer kann schon Zehntausende Läufer perfekt schützen? Und seit dem Terror in den USA scheinen Katastrophen möglich zu sein, die eigentlich unvorstellbar sind. 150000 Mark ließen sich die Berliner Veranstalter verschärfte Sicherheitsvorkehrungen kosten, 850 Polizisten wachten über 500000 Zuschauer. Und ein bisschen bange blickt man nach New York. Der Big Apple Marathon 2001 soll ein Gedenklauf für die Toten der Katastrophe am World Trade Center werden. Hoffentlich geht alles gut.