MÜNCHEN Mittwoch, 10. Oktober 2001
  Sport

Ehrensachen auf Asphalt

Münchens größter Laufverein, MRRC, hilft mit beim Medien-Marathon – und begleitet ihn kritisch

Am Montagabend ist Rainer Scherer nochmal durch den Olympiapark gelaufen und hat die letzten Kilometer des 2. München-Medien-Marathons ausgekundschaftet. Auf dem detaillierten Plan, den er hat, sah das am Schluss nämlich nach einem beträchtlichen Auf und Ab aus, das wollte er überprüfen. Und mittlerweile hat er seine Meinung entschärft. Optimal findet er die Streckenführung zwar nicht, die vor der Zuschauertribüne in der Zentralen Hochschulsportanlage ihr Ziel hat, aber er hatte es sich schlimmer vorgestellt.

Rainer Scherer ist der Vorsitzende des größten Münchner Laufvereins, der München Road Runners (MRRC), und als solcher ist es für ihn eine Ehrensache, dass er auch dabei ist, wenn am Sonntag um neun vor der Werner-von-Linde-Halle im Olympiapark der Startschuss fällt. Wobei es Zeiten gab, in denen er sich seine Teilnahme ein bisschen anders vorstellte: Nicht nur mitlaufen wollte er, sondern mitgestalten. Scherer und seine Freunde vom MRRC diskutierten ziemlich wortreich mit, als es noch darum ging, ein Konzept zu entwerfen für den neuen München-Marathon, nach der Pleite des alten. Als dann der Verein für City-Marathon mit seinem Vorsitzenden Gernot Weigl vom Bayerischen Leichtathletik-Verband den Zuschlag erhielt, den ersehnten Lauf zu veranstalten, bot der MRRC gleich seine Hilfe als sportlicher Ausrichter an. Doch sehr weitreichende Kompetenzen bekamen die MRRC-Leute nicht zugesprochen. Im vergangenen Jahr betreuten sie nur eine Verpflegungsstelle am Ostbahnhof. In diesem Jahr tun sie das wieder, bei Kilometer 17,5 in der Friedenstraße. Mehr nicht.

Scherer ist durchaus nicht verbittert deswegen, aber er schaut schon interessiert zu, wie Weigl seinen Job macht, und erlaubt es sich, ein paar kritische Worte zu verlieren, wenn ihm etwas nicht passt. Der MRRC ist mit seinen 350 Mitgliedern eine Größe in der Läuferszene, das Wort seines Vorsitzenden hat Gewicht. Nach der Auflage im vergangenen Jahr etwa sagte er: „Es war Gott sei Dank ein erster Versuch, aus dem man mehr machen muss.“ Weigl selbst findet er „sehr fleißig. Er tut sehr viel, auch europaweit“, und Scherer ist eigentlich auch ganz dankbar, dass Weigl sich die Aufgabe aufbürdete, den Lauf zu organisieren: „Wir sind froh, dass es einer macht.“ Aber auch mit der diesjährigen Strecke hat er sich noch nicht recht angefreundet, auch wenn sie mit der vom vergangenen Jahr kaum noch etwas gemein hat: zu kurvig am Schluss, zu viele Steigungen und Bergabpassagen, wenig zuschauerfreundlich. Beim MRRC leben sie nach der Maxime, dass ein Lauf immer nach den Bedürfnissen des Sportlers geschneidert sein soll. Den Medien- Marathon fände er verbesserungswürdig. „Es ist“, sagt Scherer, „ein mühsam zusammengepäppelter 42-Kilometer-Lauf.“

Ein Marathonlauf ist kein Feld von Eitelkeiten, und deshalb wollen die MRRC-Läufer sich auch nicht beleidigt zeigen, bloß weil Weigl sie nicht einbezog, so wie sie das wünschten. „Es gibt einen Marathon in München, so muss man das sehen“, sagt Scherer, „und solange wird der gefördert, egal wie die Vorzeichen sind.“ Außerdem hat der Klub noch anderes zu tun, als sich in unergiebige Scharmützel zu verstricken. Laufen ist in, das hat der MRRC erst am Wochenende gemerkt, als beim eigens veranstalteten Staffelmarathon im Olympiapark 119 Teams einen Teilnehmerrekord aufstellten. Und das spürt der Verein auch im Alltag. Etwa 20 Zugänge begrüßt der MRRC derzeit monatlich, darunter viele Leute im besten Laufalter zwischen 20 und 30 Jahren. Aber: Der Wettbewerb interessiert die Neuen weniger, sie wollen ohne Leistungsanspruch joggen. „Volksgesundheitlich ist das positiv“, sagt Scherer, „leichtathletisch gesehen fehlt mir das Ergebnis.“ Aber so versteht sich der MRRC nunmal: als Klub, der seine Mitglieder verbessern und sie bei Wettkämpfen auf den vorderen Rängen sehen will.

Wirklich schlimm findet das Scherer natürlich nicht. Sein Verein lebt und gedeiht und an Herausforderungen fehlt es auch nicht. Das Organisationskomitee der EM 2002 hat den MRRC für die Straßenbewerbe eingespannt. Scherer hat die Marathonstrecke konzipiert. Als dreimal zu durchlaufenden Rundkurs. So eben, wie er glaubt, dass die Läufer es wünschen.

Thomas Hahn