MÜNCHEN Dienstag, 9. Oktober 2001
  Sport

„Warum? Wofür?“

Ein Marathon hat 42195 Meter und der Körper diverse Fragen

Manchmal taucht er erst bei Kilometer 33 auf, manchmal schon nach Kilometer 28: der „Mann mit dem Hammer“. So nennen viele Marathonläufer den Moment, in dem sie am liebsten aufhören würden zu laufen. Den Zeitpunkt, in dem das Hirn fragt: Warum tust du dir diese Quälerei eigentlich an? Warum bleibst du nicht stehen? Warum ziehst du nicht endlich den Schuh von diesem blutigen Zeh? In diesen Minuten entscheidet sich bei jedem Läufer, wer stärker ist: der schmerzende Körper, der dem Gehirn die unbequemen Fragen eingibt – oder der unbedingte Wille, die 42,195 Kilometer lange Strecke komplett hinter sich zu lassen.

Treuer Herzfrequenzmesser

Einen Marathon zu laufen bedeutet nicht nur, an die Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit zu gehen. Auf den asphaltierten Straßen durchlebt und durchleidet ein Läufer eine Berg- und Talfahrt zwischen Euphorie und Panik, zwischen Lebensfreude und quälenden Fragen nach dem Sinn dessen, was man gerade tut. Wer durchkommen will, muss vorher wissen, was ihn erwartet – und entsprechend gewappnet sein. Denn das möglichst reibungslose Zusammenspiel zwischen Körper und Geist ist beim Marathon besonders wichtig.

Sehr schnell weicht die Euphorie nach dem Startschuss einer sorgenvollen Beobachtung des eigenen Körpers. Der erfahrene Läufer lässt seine Uhr und den Herzfrequenzmesser nicht aus den Augen. Ist man noch im Zeitlimit? Oder muss man das Tempo anziehen? „Man ist nach dem Start immer am Überlegen und Taktieren“, sagt Marathonarzt Tomas Buchhorn. Der Mediziner und Sportwissenschaftler betreut am kommenden Sonntag die Teilnehmer des 2. Münchner Medienmarathons.

Denjenigen, die sich erstmals auf die Marathondistanz wagen, fehlt zwangsläufig die wichtige Erfahrung früherer Läufe. „Schon beim zweiten Marathonlauf fühlt man sich viel sicherer“, sagt Tomas Buchhorn, der selbst schon einige Marathons hinter sich gebracht hat. Was den Neulingen an Erfahrung fehlt, machen sie dafür häufig mit Zuversicht wieder wett. Noch nach fünfzehn Kilometern überwiegt bei den meisten Marathonnovizen ein Hochgefühl, das die Läufer über das erste Drittel der Strecke trägt. „Die meisten denken: Toll, ich bin schon 15 Kilometer gelaufen“, sagt Buchhorn. Der Anteil der Anfänger ist bei Marathonläufen erstaunlich hoch: Im vergangenen Jahr nahmen in München laut einer Fragebogenaktion Buchhorns die Hälfte der 5400 Teilnehmer zum ersten Mal in ihrem Leben an einem Marathon teil.

Das Hochgefühl schwindet, je länger sich der Marathon hinzieht. Erste Zweifel keimen in einem Ausdauerathleten auf, wenn der Körper die ihm abverlangte Anstrengung nicht mehr ohne weiteres verarbeiten kann. „Irgendwann gerät der Körper aus der Balance“, sagt Buchhorn. Mehr Flüssigkeit wird verbraucht, als der Läufer überhaupt trinken kann, außerdem verbrennt der Körper Zucker und Fett und häuft dadurch Stoffwechselprodukte im Blut an. Buchhorn sagt: „Diese Vorgänge kann auch ein Profi nicht vermeiden. Der Körper läuft in eine Versorgungsschuld hinein.“

Die Folgen lassen nicht lange auf sich warten: Die Muskeln werden steif, die Beine schmerzen, das Herz rast und der Kopf fragt: Wozu? Bei manchen Läufern ändert sich die Stimmung von einem Schritt auf den nächsten. Gerade noch topfit, will sich der Läufer einen Schritt weiter am liebsten vor Erschöpfung in den Straßengraben fallen lassen. Die Euphorie der anfänglichen Kilometer ist längst verflogen. Der Mann mit dem Hammer schlägt zu.

Einige Athleten steigen bei Kilometer 30 aus, doch die meisten laufen weiter. Der Unterschied hat nicht allein mit dem körperlichen Zustand zu tun, sondern auch mit der Willensstärke des Einzelnen. „Es gibt welche, die sitzen am Straßenrand und stöhnen vor Schmerzen, aber wenn man ihnen rät, aufzugeben, dann schütteln sie den Kopf und humpeln weiter“, sagt der Marathonarzt. Diese letzten Kilometer läuft kaum einer mehr, weil er Spaß daran hat. Man läuft sie, weil der Kopf es befiehlt, obwohl der Körper am liebsten streiken möchte. „Die Energiereserven gehen zu Ende“, sagt Tomas Buchhorn. „Und alles tut weh.“

Hohe Dosis Glück

Doch Schmerz ist relativ. Bis zu einem gewissen Grad kann man körperliche Schmerzen ignorieren. Um nichts anderes geht es auf den letzten Kilometern eines Marathons: darum, den Schmerz zu besiegen. Wer diesen Kampf gewinnt und nach all den Körper- und Seelenqualen die Ziellinie überläuft, wird mit einer hohen Dosis Glückshormonen belohnt, die sein Körper dann ausschüttet. Das Hochgefühl hält noch Tage vor, die Läufer sind hochmotiviert. „Wer einen Marathon gelaufen ist, der geht am nächsten Tag in die Arbeit und fragt: Welches Problem soll ich jetzt lösen?“, sagt Buchhorn. Der Mann mit dem Hammer ist vergessen. Bis zum nächsten Marathon.

Christina Warta