MÜNCHEN Dienstag, 28. August 2001
  Sport

Tegla joggt

Weltklasse-Läuferin Loroupe wirbt für Münchens Marathon

Vielleicht ist die zierliche schwarze Frau später noch einmal losgelaufen, durch das Hofgartentor, in den Englischen Garten hinein, die Isar entlang Richtung Norden, über die Brücke nach Bogenhausen und zurück. Denn eine halbe Stunde Jogging ist für die Weltklasse-Läuferin Tegla Loroupe eigentlich viel zu wenig, und wahrscheinlich ist ihr das Tempo auch zu sparsam gewesen beim PR-Trimmtrab im Englischen Garten gestern Nachmittag.

Der Verein für City-Marathon, namentlich sein Vorsitzender Gernot Weigl, hatte sie eingeladen, um mit ihrem Namen und ihrer Geschichte für den 2. Medien-Marathon zu werben, der am 14. Oktober im Olympiapark startet. Und Tegla Loroupe ist gerne gekommen, auch wenn sie die Zeit sicher gut fürs Training hätte brauchen können. „Ich liebe das Laufen“, sagt sie. Ihren Sport zu repräsentieren, schien für sie keine Last zu sein.

Noch besser wäre es, wenn Tegla Loroupe aus Kenia, 28, wohnhaft in Detmold, Inhaberin der Weltbestzeit im Marathon mit 2:20:43 Stunden, bei Münchens Marathon mitlaufen würde. Das würde ihn aufwerten, und vielleicht würden sich dann doch ein paar Medienblicke mehr auf die Veranstaltung richten als 2000, als Loroupes Landsmann Michael Kite in 2:09:46 eine brilliante Bestzeit aufstellte. Aber dazu fehlt den Münchnern das Geld:

Tegla Loroupe ist ein Weltstar in ihrem Metier, war drei Mal Weltmeisterin im Halbmarathon, WM-Dritte 1999 über 10000 m, hat die renommiertesten Marathons der Welt in New York, Rotterdam, Berlin, London gewonnen - sie muss nach Höherem streben als nach einem Start bei einem Rennen, das sich erst noch etablieren muss. Beim Istaf in Berlin wird sie starten, danach beim Berlin-Marathon. Für München ist sie noch eine Nummer zu groß. Dass Weigl es schaffte, sie als eine Art Botschafterin zu gewinnen, durfte man ihm schon als Errungenschaft anrechnen.

Man darf annehmen, dass Tegla Loroupe weiß, was ihre Leistungen wert sind. Aber wirklich ansehen kann man es ihr nicht. Ihr Auftreten ist unprätentiös. Wenn man sie fragt, ob sie sich als Idol fühlt, antwortet sie: „Ich kann das nicht sagen Aber es gibt Leute, die sagen, sie bewundern mich.“ Natürlich ist sie ein Idol

in ihrer Heimat, neulich hat es in Nairobi sogar eine Demonstration gegeben, weil der kenianische Verband sie bei der WM in Edmonton nicht über 10 000 m starten ließ. Loroupe habe gegen Bestimmungen verstoßen, hieß die offizielle Anklage, sie hätte rechtzeitig vor der WM in Kenia sein müssen. „An einem Nachmittag riefen sie mich an und sagten: Tegla, Du musst morgen früh zu Hause sein“, erzählt sie. Das war unmöglich, Tegla Loroupe zuckt mit den Achseln. „Ich habe kein eigenes Flugzeug.“

Tegla Loroupe kennt den Ärger, sie ist nun schon zum sechsten Mal aus dem Nationalteam entlassen worden, und sie ahnt, dass er, ebenso wie die Bewunderung, die ihr von den Menschen in der Heimat entgegenschlägt, von ihrer Persönlichkeit herrührt. Tegla Loroupe gilt als Freigeist. Was ihr nicht gefällt, prangert sie an. Sie ist nicht nur im Sport eine Kämpferin. Und sie hat ein Tabu gebrochen: Die Rolle der Frau in Kenia ist eigentlich nicht die des gut bezahlten Stars. Sie hat sich unterzuordnen und den Haushalt zu besorgen.

Tegla Loroupe wollte das nicht, schloss die Schule ab, blieb tugendhaft und schaffte sich so die Voraussetzungen für ihren Weg ins Ausland. Vielen Landsleuten wird sie damit Mut gemacht haben, aber auch Argwohn geweckt bei den höheren Funktionären. Sie mögen keine Querköpfe, und weibliche schon gar nicht.

Die Politik ihres Verbands hat sie bitter gemacht, das gibt sie offen zu. Sie liebt ihr Land. „Heimat ist Heimat“, sagt sie, „ich bin stolz, für mein Land zu laufen.“ Aber der Verband hat ihr nie sonderlich geholfen, er hat ihr einst sogar mangelndes Talent nachgesagt. Bis heute, da sie die Farben Kenias in die Metropolen der Welt getragen hat, wartet sie auf eine Entschuldigung für dieses Fehlurteil.

Sie trägt es mit Fassung und läuft weiter. Mögen Kenias Leichtathletik-Bosse auch misstrauisch auf die Ausgewanderte blicken und auf das Geld, das sie mit ihrer Leidenschaft verdient. Sie sagt: „Das Laufen hat mir viele Möglichkeiten eröffnet, viele verschiedene Leute und Kulturen kennen zu lernen.“ Das ist ein Trost, mit dem sie gut leben kann.
Thomas Hahn

Ein Lächeln aus Kenia: Tegla Loroupe, Läuferin.                                  Foto: Frinke