Vom München Road Runners Club gelesen:

| MÜNCHEN | Montag, 16. Oktober 2000 |
| München Seite L5 | |
Leben, Sterben und wieder Leben in fünf Stunden | |
| Wo fängt man an mit dem Erzählen, wenn es um eine Sache
geht, die einen durch eine ganze Palette menschlicher Gefühlswelten jagt,
von der rasenden Spannung über die fröhliche Euphorie, die zerknirschte
Wut bis zur tiefen Trauer - und dann doch wieder zurück zur sanften
Zufriedenheit? Das ist schwierig, weil ein Marathonlauf, jenes
archaischste aller Selbstbetätigungsrituale, immer mehr ist als die Summe
auch noch so vieler Episoden.
Ich bin Nummer 4347 beim "Medien Marathon München", habe die letzte Nacht vor dem Start extrem schlecht geschafen, sogar Marathon-Albträume waren dabei, und nun stehe ich doch tatsächlich hier in Freimann mit einigen anderen tausend Läufern im letzten Starterblock. Die Angst vor dem, was da kommen mag, schlägt um in adrenalinbefeuerte Aufregung. Alle hüpfen hin und her, lachen, versuchen sich zu beruhigen. Der fette Technosound aus den Boxen an der Startlinie gibt uns den Rhythmus vor. Plötzlich, man weiß noch nicht wie, gehts doch tatsächlich los. Es ist noch frisch am Morgen gegen halb zehn im Englischen Garten. Der lange Tross von gemütlich trabenden Frauen und Männern zieht mich mit um die Kurven im Park. Es ist dermaßen erleichternd, dass man endlich mittendrin steckt, und die Gedanken, wie es einem wohl ergehen wird auf den 42,195 Kilometern, endlich verschwinden können. Die Füße laufen wie von selbst, wenn auch nicht ganz so schnell, wie erhofft. Erstaunlich, was für Leute sich alles auf diese Piste wagen: Da ein älterer Herr mit weißem Rauschebart zum Beispiel, sein Rücken ist tief gebeugt, sein Laufen fast schon mehr als ein Humpeln. Ich ziehe an ihm vorbei. Ob der wohl ankommt? Da vorne ein Schild: "Kilometer 5" - Wie? Erst fünf? Rein nach Schwabing, das pure Vergnügen. An der Leopoldstraße stehen viele Zuschauer mit Plakaten wie - "Du schaffst es", mit Tröten und Rasseln. Es hilft wirklich: Angefeuerte Läufer sind schnellere Läufer. Siegestor, Ludwigstraße, das schönste Stück München, die Sonne scheint. Verdammt. Es wird viel zu warm. Auf meiner Läuferhose bilden sich auf Höhe der Knie die ersten Salzkrusten vom Schwitzen. Und was macht der rechte Fuß? Hallo da unten? Das fühlt sich nicht wirklich an wie eine Blase, oder? Ja darf es denn wahr sein?. |
Nun gut, ich konzentriere mich lieber auf etwas anderes.
Kilometer 15, Marienplatz, Sendlinger Straße. Es läuft, und wie.
Anderthalb Stunden vorbei, das ist in Ordnung. Im Gärtnerplatzviertel und
in der Au sitzen besonders viele Anwohner in ihren geparkten Autos fest;
Ordner und Polizei lassen keinen fahren, solange gelaufen wird. Viele
verhinderte Autofahrer drehen ihr Radio laut auf und lächeln uns zu.
Andere nicht.
Haidhausen, Kunstpark-Ost, Berg am Laim. So allmählich war's das mit der attraktiven Stadt, jetzt geht's in die Prärie des Münchner Ostens. Auf der Friedenstraße die Messstelle "Halbmarathon". Gerade mal zwei Stunden vorbei, was will man mehr? Was zu Essen wär' jetzt recht. Es gibt aber nix, und so allmählich knurrt der Magen. Erst kurz nach Kilometer 25 endlich das große Gerangel: Bananen und spezielle Energieriegel. Noch nie haben Bananen so gut geschmeckt, der Energieriegel hingegeben ist wirklich sehr speziell, ich kaue und kaue an dem hartgummiartigen Gerät fast bis zum Cosimapark. Wie geht's? - Nun, doch, ja, recht gut. Nein, die Schmerzen in den Knien haben bestimmt nichts weiter zu bedeuten. Heizkraftwerk Nord und Kilometer 30 vorraus. Herr im Himmel, was ist mit den Knien los? So ein leiser, stechender Schmerz beginnt irgendwo unter der Kniescheibe, zieht sich über die Kreuzbänder zur Wade. Muss das sein, verdammt? Es muss. Hat alles keinen Zweck. Der Schmerz wird stärker, der Schritt langsamer. Die erste kleine Gehpause in Oberföhring. Peinlich. Auch viele andere fallen nun hin und wieder ins Gehtempo. Immer wieder rappeln wir uns auf, 100 Meter ganz langsam, 100 Meter etwas schneller. Schmerz lass nach. Tut er aber nicht. Kilometer 35, es geht in einer großen Schleife um die Sendezentralen in Unterföhring. Ein Pappbecher liegt mir im Weg. Ich schaffe es gerade so, den Fuß über ihn hinweg zu heben. Könnte man nicht vielleicht, wenn gerade mal keiner schaut, einfach auf die Gegenspur wechseln, wo die schnelleren Läufer unterwegs sind? Besser nicht, die elektronischen Messstellen würden's wohl doch merken. Plötzlich nähert sich von hinten ein älterer Herr mit weißem Rauschebart, sein Laufen ist mehr ein Humpeln. Er zieht an mir vorbei. Ob ich wohl überhaupt noch ankomme? Es hilft alles nichts: Der Geist ist willig, doch die Knie, diese verdammten Kniegelenke, sind schwach. Ganz langsam wieder über die Isar, zurück nach Freimann. Noch 100 m dann siehst Du das Ziel", ruft einer. Tatsächlich. Getöse auf den Tribünen. Aus. Glück? Ja, so fühlt sich das jetzt an, auch wenn's ziemlich weh tut. |