Vom München Road Runners Club gelesen:

MÜNCHEN Montag, 16. Oktober 2000
  Sport

 

Flucht in die Geschwindigkeit

Die Kenianer Kite und Sankale bleiben unter 2:10 Stunden und bescheren dem Medien-Marathon eine gelungene Premiere

Von Thomas Hahn

Irgendwo in Oberföhring muss es gewesen sein, bei Kilometer 29 ungefähr. Da sind die kenianischen Läufer Michael Kite und Joel Sankale überein gekommen, dass sie dieses letzte, lange Stück Weg bis ins Ziel des 1. Münchner Medien-Marathons zusammen gehen sollten. Sie wechselten nicht viele Worte, dazu fehlte ihnen die Luft, aber die Losung war klar: keine taktischen Spielchen, Flucht in die Geschwindigkeit. Und so preschten sie fort. Landsmann Luke Kibet hatte als Letzter ihr Tempo nicht halten können, so wie zuvor schon Tadesse Hailemarian aus Äthiopien und die anderen Kenianer im Feld der Besten, Benjamin Matolo, John Kiprono, Samson Loywapet und Philip Chirchir, der als Favorit ins Rennen gegangen war und in der Nierengegend Schmerzen spürte. Kite und Sankale waren allein und blieben es, bis sie das Zielband leuchten sahen. Da erst löste Kite den Männerbund und stürmte durchs Portal nach 2:09:46 Stunden, Sankale nur eine Sekunde dahinter. Doch gleich darauf fanden sie wieder zueinander. Seite an Seite empfingen sie den Applaus der Zuschauer.

Verbesserte Chancen

Diese Endzeiten werden sich beide auf ihre Visitenkarten drucken lassen und herumzeigen in der Welt des Laufsports. Platz eins oder zwei zu erreichen, ist für Marathonprofi ja manchmal gar nicht so wichtig, die Zeit dagegen immer ein unverfälschtes Zeugnis für die eigene Leistungsfähigkeit. Die Zeit bestimmt den Wert eines Läufers. Unter 2:10 Stunden geblieben zu sein – das zählt schon was in der Branche. Die nächste einträgliche Startmöglichkeit ist dem Führungsduo von München gewiss, spätestens im nächsten Frühjahr werden ihre Manager sie bei den großen Veranstaltern anbieten können und ihre Chancen sind gut, dort gegen ordentliche Bezahlung das Feld schmücken zu dürfen. Für die Athleten war der Vormittag in München deshalb wohl einer der schönsten ihrer Karriere. Michael Kite erlebte überhaupt erst seinen zweiten Marathon, nachdem er im Frühjahr den von Triest auf schwerer Strecke in 2:13:22 Stunden gewonnen hatte. Jetzt wiederholte er den Sieg und steigerte sich beträchtlich. „Von zwei-dreizehn auf zwei-null-neun“, jubelte er, „das ist eine große Verbesserung.“

Und Joel Sankale sah gar schon seinen Arbeitsplatz gefährdet im Rennstall des renommierten Managers Kim McDonald. Der hatte zwei seiner Leute nach München geschickt, auf dass sie einen Nachweis ihrer Fähigkeiten erbrächten. Der eine, Josphat Chemjor, scheiterte, fiel früh zurück und wurde am Ende Zehnter in 2:19:44. Sankale dagegen empfahl sich mit Nachdruck. Eine Bestzeit von 2:15:17 hatte er nach München mitgebracht und unterschritt sie hier bei weitem. Das Training im kenianischen Bergland rund um Nyahururu, wo McDonald ein Trainingscamp aufgebaut hat, scheint angeschlagen zu haben.

Aber die Zeiten nützten nicht nur denen, die sie hervorgebracht hatten. Der ganze neue München-Marathon erstrahlte im Glanze dieser Weltklasse-Leistungen. Organisationsleiter Gernot Weigl war von Beginn an mit dem Ziel angetreten, nicht nur einen Erlebnislauf für Hobby-Läufer anzubieten, sondern auch einen ernstzunehmenden Wettkampf, der die Medien anziehen würde. Ein Signal wollte er gesetzt sehen durch eine spektakuläre Siegerzeit, das der Branche bedeuten sollte: Nach vier Jahren ist München als Marathon-Standort wieder ernst zu nehmen. Den prominenten Szenekenner Christoph Kopp nahm er sich als Helfer, und siehe, es gelang. Gernot Weigl hat wohl vorher selbst nicht gewusst, wie hoch er springen kann, nach Kites und Sankales Zielankunft führte er es allen vor, griff jubelnd die Arme seiner Helden und riss sie nach oben. Später verkündete er stolz: „Außer Berlin sind wir der deutsche Marathon mit der zweitbesten Siegerzeit.“

Dank Kite und Sankale, aber auch dank James Tanui, dem Edeldomestiken. Der deutsche Crossmeister Rainer Wachenbrunner und der Kenianer Fred Getange waren außerdem als Hasen ausersehen, doch Wachenbrunner bog schon nach sieben Kilometern im Englischen Garten in die Büsche (wegen Darmproblemen, wie Kopp später vermutete), Getange, vor zwei Wochen Zweiter in Köln, spürte seine Achillessehne und gab früher auf als geplant. Tanui aber erledigte seine Tempoarbeit perfekt, ruhig und sachlich und wie vereinbart bis Kilometer 25. „Tanui hatte großen Anteil an der Endzeit“, lobte Kopp. Bei den Feierlichkeiten im Ziel allerdings fehlte der akkurate Helfer aus Kenia.

Keine Frage, es war ein großer Tag für diese junge Veranstaltung. Die Frauen in der Konkurrenz waren ein bisschen zu bemitleiden, weil die bei all dem Trubel um die männlichen Gewinner nur wenig Beachtung fanden. Elzbieta Jarosz (Polen/2:37:33) gewann nach kurzer Tempoverschärfung bei Kilometer 38 vor Meseret Kotu (Äthiopien/2:38:19) – kaum einer bekam es richtig mit. Aber das hatte bei diesem Wettkampf schon seine Richtigkeit. Die besten Frauen hatten sich nie mehr als einen Zweikampf geliefert, die Drittplatzierte Maria Bak aus Hersbuck (2:51:40) und die Vierte Bernadette Hudy vom München Road Runners Club (2:55:14) waren zu weit zurück. Zudem bedeutete die Endzeit im internationalen Vergleich allenfalls Mittelmaß.

Jagd nach dem Weltrekord

Und die kurioseren Geschichten konnten sie auch nicht beitragen. Bei den Männern fiel nämlich der Italiener Giorgio Calcaterra auf, der sich gar nicht erst ins Tempospiel einmischte und am Ende dennoch Neunter wurde. In 2:19:39, was ihn ziemlich zufrieden machte. Calcaterra jagt nämlich einen Weltrekord. Die meisten Marathons unter 2:20 in einem Jahr will er laufen, neun hat er schon und der Versuch geht weiter, nachdem er vergangene Woche schon nahe Mailand 2:14 geschafft hat: Nächste Woche startet er in Venedig. Sieger Kite hat dazu nur sanft den Kopf geschüttelt.

Thomas Hahn

Nach dem neuen Marathon

Nicht schmelzen

tho - Gernot Weigl ist kein Mann des Zweifels, aber so ganz sicher kann man sich eben doch nie sein, ob solch ein schwieriges Unternehmen wie die Wiederbelebung des München-Marathons zum Wohlgefallen aller gelingt. Und so hat man hinterher doch einen ziemlich erleichterten Organisationsleiter erlebt. Viele der 5357 Läufer waren noch auf der Strecke, als Weigl die Gewissheit erfasste, dass alles ordentlich über die Bühne gegangen war. Ein bisschen überdreht wirkte er anfangs sogar, als er mit den kenianischen Profis Kite und Sankale deren Traumzeiten feierte, aber das hatte wohl mit all der Anspannung zu tun, die sich jetzt auf einmal entlud. Morgens nämlich hatte Weigl noch sehr nervös gewirkt.

Später hat er dann allen gedankt, die irgendwie mit dem Lauf zu tun hatten, und lobte sein „unglaubliches Team“ für seinen „unglaublichen Charakter“. Die Premiere war gelungen, das konnte ihm keiner nehmen, und zwar nicht nur wegen der Resultate seiner afrikanischen Gäste. Die Teilnehmer gingen zufrieden nach Hause, fühlten sich ordentlich versorgt und auch die Stimmung an der Strecke war nicht so mau wie viele befürchtet hatten; schon gar nicht auf der letzten Geraden, neben der Weigl Tribünen hatte errichten lassen.

Doch ganz in Euphorie dahinschmelzen mochte Weigl auch nicht. „Wir müssen jetzt erstmal eine Hochrechnung machen und schauen, welche Punkte, es noch zu verbessern gibt“, sagte er. Und da gibt es noch einiges: Der Parcours bleibt ein Problem, der frühere Nationalläufer Konrad Dobler, in 2:35:26 Stunden 20., fand die Strecke zwar „gut zu laufen“ trotz ihrer zehrenden Wellen, aber auch, dass sie attraktiver sein könnte: „Man müsste sie mehr ins Zentrum verlegen.“ Außerdem ist sie an vielen Stellen zu eng, sobald der Pulk dichter wird. Und der Zielraum für die durstigen Ankömmlinge wirkte seltsam provisorisch.

„Wenn der Lauf in Fürstenfeldbruck oder Dachau stattfinden würde, würden alle sagen: klasse!“, sagt Rainer Scherer, Vorsitzender des München Road Runners Clubs und selbst Teilnehmer (Endzeit: 3:30), „aber nicht bei einem Lauf, der zu den vier, fünf größten im Land gehören will.“ Es wird noch einiges zu Tüfteln geben am neuen München-Marathon. „Es war Gott sei Dank ein erster Versuch“, sagt Scherer, „aus dem man mehr machen muss.“

Medien-Marathon in Zahlen

Läufer: 1. Kite 2:09:46 Stunden, 2. Sankale 2:09:47, 3. Kibet 2:13:40, 4. Matolo 2:14:46, 5. Kiprono 2:14:47, 6. Chrichir 2:18:11, 7. Loywapet 2:18:54 (alle Kenia), 8. Hailemarian (Äthiopien) 2:19:33, 9. Calcaterra (Italien) 2:19:39, 10. Chemjor (Kenia) 2:19:44, 11. Simon 2:27:09, 12. Ranftl (LC Buchendorf) 2:30:00, 13. Zwicky 2:30:10, 14. Kläusler 2:31:12 (beide Schweiz), 15. Sichermann (Ansbach) 2:33:02, 16. Hartmann (Saar) 2:33:16, 17. Lingg 2:33:27, 18. Reusch (Immenstadt) 2:33:46, 19. Peintner (Italien) 2:34:32, 20. Dobler (SVO Germaringen) 2:35:26. 27. Summer (MRRC München) 2:37:42 60. Mathes (MRRC München) 2:49:15 66. Bachmann (MRRC München) 2:49:56

Läuferinnen: 1. Jarosz (Polen) 2:37:33, 2. Kotu (Äthiopien) 2:38:19, 3. Bak (Hersbruck) 2:51:40, 4. Hudy (MRRC München) 2:55:14.