vom München Road Runners Club gelesen:

Donnerstag, 13. Januar 2000

MÜNCHNER SPORT

Süddeutsche Zeitung


Verhaltener Jubel
zum Neubeginn


Von Thomas Hahn

Schon glaubte man, ewig werde sich die Frage stellen, wann es wieder einen Münchner Marathon geben werde und ob überhaupt. Da kommt dieser Bescheid des bayerischen Leichtathletik-Verbandes daher und setzt das Datum, das alle Münchner Läufer sehnlichst erwarteten. Am 15. Oktober werden sie wieder 42,195 Kilometer durch ihre Stadt laufen dürfen, der Verein für City-Marathon München hat den Zuschlag bekommen für das Vorhaben, seinen Medien-Marathon zu inszenieren.

Medien-Marathon – das klingt, als stünden da ganz besonders potente Sponsoren hinter dem Lauf. Tatsächlich hat der kühne VCM-Chef Weigl gar nichts mit der Branche zu tun, Immobilienkaufmann ist er, ein laufbegeisterter freilich, der selbst schon Marathon gelaufen ist und Ahnung zu haben scheint vom Ausdauer-Geschäft. Nein, die Zeile ist letztlich der erste PR-Gag, den sich die VCM-Leute ausgedacht haben, um bei jenen Interesse zu wecken, die sie neben den Läufern am meisten umgarnen müssen, damit der Münchner Marathon ein Erfolg wird: bei den Medien eben.

Keine schlechte Idee. Ob sie funktioniert, hängt allerdings von anderen Faktoren ab. Dieser neue München-Marathon muss von Anfang an jeden Verdacht glaubhaft entkräften, die Veranstaltung sei ein Verlustgeschäft; die Erfahrungen mit dem verschuldeten Vorgänger waren zu leidvoll. Auch organisatorische Mängel darf es nicht mehr geben; Marathon-Läufer sind die perfekt organisierten Rennen in Hamburg, Frankfurt, Köln und Berlin gewöhnt – stark abfallen darf München da nicht, sonst bleiben beim nächsten Mal die Kunden aus. Drittens darf der Lauf kein reines Breitensportfestival werden – Eliteleute müssen her, sonst versinkt er im Desinteresse.

Ob’s gelingt? Vorerst ist die Strecke noch nicht einmal offiziell genehmigt. Dass die Finanzierung steht, nur eine Behauptung Weigls. Und welchen Klasseläufer die Münchner gewinnen können, muss sich auch erst weisen. Bloß nicht zuviel jubeln deshalb über diese neue alte Errungenschaft München-Marathon. Dennoch: Blicken wir unvoreingenommen dem entgegen, was da kommt. Vielleicht markiert 2000 ja wirklich den Beginn einer neuen Münchner Marathon-Geschichte.

Entscheidung um eine Sekunde vor zwölf

Verein für City-Marathon erhält Zuschlag für die Organisation des neuen München-Marathon im OK

Eile war geboten in dieser Angelegenheit, die Münchens Lauffreunde schon seit mehr als drei Jahren umtreibt. Das war Anton Thalhammer, dem Geschäftsführer des Bayerischen Leichtathletikverbandes (BLV), durchaus bewusst und deshalb wurde er auch gleich geschäftig, als am Montagnachmittag die Teilnehmer an der vorerst letzten Sitzung zum Thema Münchner Marathon im Kreisvewaltungsreferat auseinander gingen. Er wusste ja: Es ist eine Sekunde vor zwölf. Binnen 24 Stunden, so hatte Thalhammer kundgetan, werde er eine Entscheidung bekannt geben, welcher der beiden Bewerber den neuen Münchner Marathon veranstalten dürfe, der Läuferclub München (LCM) oder Verein für City-Marathon München (VCM). Und akkurat erfüllte er das Ultimatum. Am Dienstag um die Mittagszeit gab Thalhammer eine Verlautbarung zum Diktat, die bald darauf das Kreisverwaltungsreferat und die Vereine als Fax erreichte. Darin hieß es: "Der vom Verein für City-Marathon München e.V. eingereichte Antrag auuf Genehmigung des Medien-Marathon München am 15. Oktober 2000 wird vom Bayerischen Leichtathletikverband genehmigt."

Es wird also wieder einen Marathon geben in München nach der vorerst letzten Auflage des von Renndirektor Michael Schultz-Tholen pleite gewirtschafteten Laufs im Frühjahr 1996. Er wird ganz anders aussehen als der alte Stadtmarathon, der sich auf der früheren Olympiastrecke durchs Stadtgebiet wand mit Start und Ziel im Olympiastadion, er wird zu einer anderen Jahreszeit stattfinden und auf anderen Straßen. Aber immerhin, eine lange Suche ist vorerst zu Ende, die Münchens Ausdauersportlern vor allem eines brachte: Ungewissheit.

Auf das Engagement des mächtigen Veranstalters München Olympiapark GmbH (OMG) zusammen mit dem München Road Runners Club hofften sie zunächst, vertrauend auf die Worte von OMG-Chef Wilfried Spronk, der immer wieder sagte: "Nach München gehört ein Marathon." Zudem hieß es, die OMG bräuchte einen als Test für die Leichtathletik-EM 2002. Doch mehr als Bekenntnisse hörte man nicht. Mit einer Agentur suchte die OMG nach Marathon-Konzepten, schon war die Rede von einer Kooperation mit den Veranstaltern des New-York-Marathons. Nichts wurde draus, und Sponsoren blieben aus – Spronk vergewisserte sich, dass ein Probemarathon aus Sicht es europäischen Verbandes EAA nicht nötig sei und erklärte die Bemühungen der OMG im November für beendet. Denn: "Wir können kein Risiko eingehen."

LC München und VCM München blieben als Bewerber übrig – Letzterer steht nun als strahlender Sieger da. "Wir sind natürlich froh" sagt Gernot Weigl, Vorsitzender des VCM, 

und glaubt zu wissen, was seine Bewerbung begünstigte. "Vor allem die Streckenführung"mit Start und Ziel in Freimann über den Englischen Garten, Stadtzentrum, Haidhausen und Unterföhring, die das Kreisverwaltungsreferat als "genehmigungswürdig" einstuft. Weigl charakterisiert sie so: "Ohne viel Kopfsteinpflaster, alles geteert, mit vielen langen Geraden." Gut für schnelle Zeiten eben, Thalhammer bestätigt, die Strecke des VCM-Konkurrenten "war aus sportlichen Gesichtspunkten so nicht zu akzeptieren". Für seinen Geschmack streckte sie sich zu lange an der Isar entlang, teilweise auf Schotterwegen, außerdem gebe es da "ein Wehr mit Treppen", was Eliteläufern kaum behagen würde. Einen weiteren Einwand fand Manfred Steiner, im Kreisverwaltungsreferat zuständig für Verkehrsanordnungen: An der Theresienwiese sollte die Strecke des LCM beginnen und enden – das hätte mit den Abbauarbeiten der Oktoberfestzelte kollidiert.

Weigl hat nun ein ehrgeiziges Projekt vor sich. Zehn Monate sind nicht viel, um dem Organisationskomitee Strukturen zu geben, Helfer um sich zu scharen und Teilnehmer zu werben. Aber Weigl, 47 und laufbegeisterter Immobilienkaufmann, fürchtet nichts. Sein Verein ist jung, gegründet im Dezember 1997 und nur 50 Mitglieder stark. Aber Weigl vertraut auf die Erfahrungen, die er und seine Mitarbeiter in den vergangenen zwei Jahren bei der Organisation kleinerer Rennen gesammelt haben. Außerdem hat er längst umfangreiche Vorbereitungen getroffen. "Mehrere Sponsoren" habe er schon an der der Hand. Eine Million Mark beträgt das Budget – Weigl sagt: "Die Finanzierung ist gesichert", und zwar so, dass am Wettkampftag nicht nur Breitensportler ins Rennen gehen. Spitzenleute sollen kommen. Weigl versichert: "Das wird kein Wald- und Wiesenlauf."

Der Lauf des LCM wäre wohl billiger ausgefallen. In einem Wirtschaftsplan für einen Marathon 1998 veranschlagten die Vorsitzenden Thomas Fahringer und Georg Grünbacher 320 000 Mark – es half nichts. Sie sind durchgefallen und fühlen sich verprellt. Die beiden ehemaligen Elite-Langstreckler – Fahringer, 34, ist Tirols Rekordhalter im Halbmarathon, Grünbacher, 35, wurde 1990 Achter im Crosslauf der Studenten-WM . waren die ersten, die sich mit ihrem 1996 gegründeten Klub als Veranstalter des neuen München-Marathon bewarben. Wir haben ziemliche Arbeit ‘reingesteckt", sagt Fahringer. Konzepte erstellt, Pläne, Streckenprofile, auch Zuspruch erhalten vom BLV, den sie als Zusage interpretierten. Den Lohn bekam der Gegner. Fahringer sagt: "Jetzt schauen wir dumm drein." Vielleicht werden er und Grünbacher trotzdem mitlaufen am 15. Oktober; ihr großer Wunsch ist schließlich in Erfüllung gegangen: In München gibt es wieder einen Marathon.

Thomas Hahn